Foto J. Fruck

Dokumentation „Gegen das Vergessen“ – zum Holocaust Gedenktag 2020

Grußworte von Sonja Leidemann, Bürgermeisterin der Stadt Witten, am Ort der Erinnerung, ehemaliges KZ-Außenlager Buchenwald in Witten-Annen

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Frau van Bremen, sehr geehrter Herr van Bremen, sehr geehrte Gäste aus den Niederlanden, Herr van der Hucht und Herr Lamers, liebe Schülerinnen und Schüler,

ich begrüße Sie im Namen aller Veranstalter am heutigen Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Diesen Tag begehen wir in Witten seit 1997. Wir erinnern nicht nur an Gedenktagen wie diesen oder am 9. November der Opfer der NS-Verfolgung. Wir treten mit Ausstellungen, Vorträgen, Stolpersteinen, Forschungen und Bildungsveranstaltungen „gegen das Vergessen“ und für das „Nie wieder“ – immer wieder an. Wir stehen in einem breiten demokratischen Bündnis mit Vereinen, Parteien, Initiativen, Kirchen und Bildungsträgern in unserer Stadt gegen den leider wieder in Deutschland und in Europa deutlich präsenten Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus auf. Und wir sind nach wie vor der Überzeugung, dass wir aus der Geschichte lernen müssen und dass wir eine historische Verantwortung tragen. Aber wir ringen um das Wie...


Als Bürgermeisterin dieser Stadt und als Historikerin gehöre ich einer Generation an, die noch Überlebende der Shoah kennenlernen durfte. Diese Zeitzeuginnen und Zeitzeugen haben meine Generation beauftragt, die Zeugnisse der Überlebenden des Holocaust zu wahren und an die nächste Generation weiterzugeben. Einer dieser Überlebenden war der 2007 verstorbene Emil Landau, 1925 in Witten geboren, der als Jugendlicher mit seinen Eltern und seiner Schwester von der SS in das Ghetto von Theresienstadt deportiert und von dort weiter verschleppt wurde. Durch Glück und einen Akt des Widerstands überlebte er das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und geriet in das Außenlager von Auschwitz: Tschechowitz. Er berichtete später über den Todesmarsch von dort in das Konzentrationslager Buchenwald, der am 18. Januar 1945 von den SS-Leuten losgejagt wurde. Etwa 650 Gefangene, so Landau, mussten unter SS-Bewachung marschieren. Wer nicht weiter konnte, wurde erschossen. Nach drei Tagen gelangten die noch Lebenden endlich auf einen Zug. 


Ich zitiere Emil Landau: „Wir waren dann 400 oder 500 Personen auf diesem Zug. Da waren auch andere Leute aus anderen Lagern. Bis wir nach Buchenwald kamen, waren von unseren vielleicht noch 100 Menschen übrig geblieben. Viele waren auf dem Zug erfroren oder sind erschossen worden. Wenn ich an die Ironie denke, die ich immer so gerne sehe: gerade vier oder fünf Stunden vor Buchenwald kam ein amerikanisches Flugzeug. Die Wächter saßen in den Ecken mit ihren Maschinengewehren und fingen an zu schießen. Und die Amerikaner beschossen den Zug. Man weiß nie, von wem man gerade erschossen wird, wenn man nicht in der richtigen Truppe ist. Wir hatten vier Wächter, in jeder Ecke einen. Die hatten so viel Angst wie wir. Der Zug fuhr und die hatten ihre Bajonetts. Sie standen in Position mit ihren Bajonetts und die Leute, die zu nah kamen, wurden erstochen. Die wurden in dieser Kälte sehr schnell steif. Die Leichen wurden die Barrikaden für die Wächter. Das war die Zeit, die am schlimmsten war bis zum Ende des Krieges.“ 


Herr Landau erkrankte in Buchenwald schwer und verdankte einer Widerstandsgruppe im Lager, nicht erneut auf einen Todesmarsch geschickt zu werden. Am 11. April 1945 befreiten Widerstandsgruppen im KZ sich sozusagen im Wissen herannahender amerikanischer Truppen selbst. Emil Landau, der später in den USA lebte, besuchte mehrmals Witten, führte in den 1990er Jahren eine transatlantische Freundschaft mit Klaus Lohmann und reiste, soweit möglich, regelmäßig zu den Treffen der Überlebenden von Buchenwald. In Anlehnung an den Schwur von Buchenwald würde er uns heute sicherlich mahnen, für den Weltfrieden einzutreten...


In Witten mussten während des Zweiten Weltkriegs mehr als 24.000 Menschen anderer Nationen Zwangsarbeit für das nationalsozialistische Deutschland leisten. Im Außenlager Buchenwald Witten-Annen waren von September 1944 bis April 1945 mehr als 700 männliche KZ-Gefangene untergebracht, die aus dem Konzentrationslager Buchenwald hierher überstellt worden waren. Diese Häftlinge arbeiteten zwangsweise für die Rüstungsindustrie im Annener Gussstahlwerk, wo Gerard van Bremen, der Vater der heute anwesenden Geschwister van Bremen und dessen Freund Berend Proper als niederländische Zwangsarbeiter auf die KZ-Gefangenen trafen. Aber da ist noch viel mehr, was uns Jan van Bremen heute sagen möchte. Lieber Herr van Bremen, vielen Dank für Ihre Bereitschaft, heute und hier zu uns zu sprechen.



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