Foto J. Fruck

Dokumentation „Gegen das Vergessen“ – zum Holocaust Gedenktag 2020

Rede von Jan van Bremen am Ort der Erinnerung, ehemaliges KZ-Außenlager Buchenwald in Witten-Annen

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schülerinnen und liebe Schüler,


Mein Name ist Jan van Bremen. Geboren bin ich in den Niederlanden und ich lebe auch heute dort.

Es ist für mich eine große Ehre, dass ich Teil dieser Veranstaltung sein darf und einige Worte an Sie und Euch richten kann im Namen meiner verstorbenen Eltern, deren noch lebenden Freunde Berend Proper und seiner Familie und im Namen meine Schwestern Annie und Maria.

Was möchte ich sagen? Wir stehen hier an einem historischen Ort, einem Ort der Erinnerung für alle Zeiten seiner Geschichte. Es ist die Geschichte von Macht, Herrschaft, ohne Dialog und voller Überzeugung von der eigenen Meinung, ob nationalistisch, rassistisch oder anders. Es waren Ideen, für deren Anhänger sogar ganze Völker weichen mussten.

Heutzutage werden auf dieser Welt immer noch jeden Tag Menschen aus ihren Heimat verjagt und ganzen Völkern wird der Lebensraum geraubt. Ich bin Kind einer solchen verjagten Mutter.

Sie, meine Mutter Galina Korjakowa, wurde 1942 aus der Gegend von Brjansk, Russland, in das Zwangsarbeitslager Hamburg-Platz nach Witten-Annen verschleppt. Sie verliebte sich in einen Holländer und nach der Befreiung wurde das Liebespaar von den Alliierten voneinander getrennt. Mein Vater Gerard fand seine Geliebte mit Hilfe eines zurückgeklauten Fahrrads in Dortmund wieder. Beide entschieden sich, zusammen nach Holland zu gehen und dort eine Familie zu gründen. Sie bekamen drei Kinder…

Meine Mutter und mein Vater hatten nicht vorhersehen können, wie die Kriegserfahrungen oder besser gesagt - Traumata - und die Unterschiedlichkeit ihrer Herkunft Einfluss auf ihr weiteres Leben haben würden.

Im Jahr 1967, mitten im „Kalten Krieg“, ging meine Mutter zum ersten Mal nach Ende des Zweiten Weltkriegs zurück in die Sowjetunion. Sie hatte gehofft, nach Hause zu kommen. Aber dort war das Leben auch 25 Jahre weiter gegangen. Freunde und Freundinnen waren verheiratet, hatten Kinder bekommen, waren weggezogen… Ja, sie war sehr willkommen, aber sie war nur zu Gast: Es war nicht mehr das Zuhause, auf das sie gehofft hatte.


Ich möchte Sie teilhaben lassen an einem Auszug aus einem ihrer Briefe, die sie 1968 nach dieser ersten Reise an ihre Schwester in Russland geschrieben hat:

„….Und dann ist bei meiner Tochter ein Junge geboren worden. Ich schaue ihn an und denke: Was wird das Leben ihm bringen? Für mich bete ich, dass das Schicksal ihm freundlich begegnen wird. Nimm mich zum Beispiel: Aus der Ferne scheint alles okay, aus materialistischer Sicht darf man nicht klagen. Aber genauso wie auch du habe ich die psychischen Schmerzen alleine getragen, und dann denke ich: Was ist jetzt aus mir geworden? Keine Russin, keine Holländerin, einfach nur nichts. Die einen sehen mich schräg an, weil ich in Holland lebe, die anderen denken wahrscheinlich: „Sei vorsichtig mit ihr, da sie doch in der USSR geboren ist. Und ich, Schwesterchen, ich denke doch, dass ich das so nicht wollte. Ich habe nicht nach dieser Situation gefragt. Es ist einfach nur geschehen ohne jegliche Absicht … Ich wünsche Russen, Holländern und anderen nichts Schlechtes. Für mich sind die Menschen aller Nationen gleich. Ich mache nur einen Unterschied zwischen Schlechten und Guten, Ehrlichen und Unehrlichen. Genug jetzt, vielleicht kannst du mich auch nicht verstehen, aber es ist mir kalt ums Herz und glaube mir doch, dass dies für mich eine schwere Belastung ist …”


Für meine Mutter wurde diese Belastung zu schwer. 1978 hat sie ihr Leben beendet. Heimatlos.

Niemand von denen, an die hier heute erinnert wird, hat hier sein Leben beenden wollen. Niemand von denen hat gewollt, hierher gebracht zu werden. Jeder ist gezwungen worden, seine Träume hinter sich zu lassen. Mit welchem Recht?


Friedensreich Hundertwasser schrieb: 

„Wer die Vergangenheit nicht ehrt 

verliert die Zukunft.

Wer seine Wurzeln vernichtet

kann nicht wachsen.“


Hier stehen wir an einem Ort in Witten-Annen, wohin meine Mutter vor 75 Jahren zusammen mit ihrer Mutter und Schwester gebracht worden ist. Mit einer „Ost-Marke“ auf der Jacke. Kurze Zeit war sie sogar hier nebenan im sogenannten Russenlager zwangsweise untergebracht.


Hier stehen wir an einem Ort, wo Menschen zwangsweise verbleiben mussten wegen ihrer Ideen oder ihrer Herkunft. Die Gedanken sind frei … wessen Gedanken? Darf man einen Unterschied machen? Individuell betrachtet vielleicht, wie meine Mutter schrieb, aber für ganze Völker?


Hier stehen wir an einem Ort, auf den Bomben abgeworfen wurden, wo man wegkriechen musste, um sein Leben zu retten, wo es so hell brannte, dass man ein Dorf weiter nachts ein Buch lesen konnte. Wer hier kann sich das jetzt noch vorstellen? Wer kann sich vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn man in einem Moment noch einen Freund hat und im nächsten nicht mehr? Ja, Menschen aus den Kriegsgebieten wie zum Beispiel Syrien, Jemen, Ukraine, Sudan, auch diejenigen, die betroffen sind von Terroranschlägen, die können sich das sehr wohl vorstellen. Versuch mal, dich hinein zu denken ... dich einzufühlen …


Hier stehen wir auf einer von Kindern, von Schülern geretteten Wurzel unserer Vergangenheit. Auf großartige Weise von Kindern, von den Nachkommen! Damit die Zukunft nicht verloren geht, sind nach Friedensreich Hundertwasser die Wurzeln nötig, damit wir wachsen können. Die Kinder müssen es gespürt haben.

Lasst es so sein, dass die Energie und die hinterlassenen Träume von allen, die hier ihr Leben gelassen haben, eine Hilfe sein werden, um die Zukunft unserer Kinder sicher zu stellen! 

Wenn ich jetzt wieder jung wäre, wäre mein Traum vielleicht:

  • dass alle Erwachsenen verstehen werden, wie wichtig ihre Erfahrungen für ihre Kinder sind und sie diese mit ihnen teilen müssen,
  • dass alle Jugendlichen verstehen werden, wie wichtig die Vergangenheit für sie ist und sie rechtzeitig anfangen, die Erwachsenen dazu zu befragen,
  • dass Vertrauen statt Angst die treibende Kraft aller Menschen wird,
  • dass es keinen Anlass mehr geben wird, den Text des schönes Liedes „Sag mir wo die Blumen sind“ als Anklage zu singen,
  • dass niemand mehr singen muss: „… Wann wird man je verstehen?“.


Kriege enden nicht mit Frieden. Es schweigen nur die Waffen, aber nicht die von Kriegserfahrungen geprägten Gedanken. Kriegsgeschädigte Leben leiten die schmerzvollen Erinnerungen, den Krieg, auf Generationen weiter, ob man will oder nicht. 


Wir alle können zusammen dafür sorgen, dass niemand mehr singen muss „Wann wird man je verstehen?“



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