Gedenkfeier am Ort der ehemaligen Synagoge; Foto: Jörg Fruck

Dokumentation zum 80. Jahrestag des Novemberpogroms 1938

Grußwort von Usi Ron zum 80. Jahrestag des Novemberpogroms 1938, gelesen von Dr. Martina Kliner-Fruck

Genau heute vor 80 Jahren wurde das Leben meiner Familie, angesehener Leute, total verändert.

Die Familie von Laura und Hugo Rosenthal verlor Ehre und Besitz.

Der Name ist euch allen bekannt, wie zum Beispiel durch den Straßennamen Rosenthal Ring, die Stolpersteine und auch durch das Seniorenheim Rosenthal Residenz und die Rosenthal Appartments.

Ich möchte jedoch die Gelegenheit nutzen, nicht über die Vergangenheit zu sprechen, sondern über eine Episode der Gegenwart.

Ich trage den Namen Usi Ron. Wie viele Israeli hat auch mein Vater, Hans Jakob Rosenthal, den Familiennamen in Ron hebraisiert (übersetzt: Lied).

Im März dieses Jahres war ich mit meinem ältesten Enkel Roy, 27 Jahre alt, in Düsseldorf anlässlich der Weinmesse „Prowein“.

Am Wochenende habe ich ihn gefragt, ob er Interesse hätte, mit mir nach Witten zu fahren, um die Familienvergangenheit näher kennenzulernen.

Wir sind nach Witten gefahren und am Bahnhof haben wir ein Taxi gemietet mit Taxifahrer für eine Stadtrundfahrt.

Wir fuhren zum Haus meines Vaters in der Hörder Straße 326, sahen die Stolpersteine, danach zum Rosenthal Ring, weiter zur Bebelstraße 9-11, wo das große Geschäftshaus meiner Familie steht, und am Ende besuchten wir den Friedhof, wo sich zwei Rosenthal-Grabsteine befinden.

Roy hat das „Kaddisch“ vorgetragen, ein traditionelles Gebet zum Gedenken der Verstorbenen, und zwar aus dem Gebetbuch meines Großvaters, gedruckt im Jahre 1901.

Beim Rückflug nach Hause fragte ich Roy: „Wir waren in Düsseldorf bei der Weinmesse und in Witten; was war für dich der Höhepunkt des Besuches?”

Und er antwortete: „Das Kaddisch”.

Wochen danach erhielt ich eine SMS von Roys jüngerem Bruder Daniel mit folgender Nachricht: „Ich hörte von Roy vom Besuch in Witten. Wenn Du Zeit hast, möchte ich sehr gerne diesen Besuch mit Dir wiederholen”.

Das war für mich eine Freude. In dieser Minute war es für mich klar, dass die Familiengeschichte nicht in Vergessenheit gerät.

Der erwähnte Taxifahrer stammte aus einer türkischen Familie, wir waren Juden aus Israel, und der gemeinsame Nenner war Witten.

Wenn nach 80 Jahren dies möglich ist, dann ist es ein Zeichen für Hoffnung wie Regenbogen und Lichtstrahl für eine bessere Zukunft.

 

Foto: Jörg Fruck