Gedenkfeier am Ort der ehemaligen Synagoge; Foto: Jörg Fruck

Dokumentation zum 80. Jahrestag des Novemberpogroms 1938

Rede der Bürgermeisterin Sonja Leidemann zum 80. Jahrestag des Novemberpogroms 1938

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, liebe Schülerinnen und Schüler, sehr geehrter Herr Boheimer,


ich begrüße Sie zu diesem traurigen Jubiläum, dem 80. Jahrestag der Novemberpogrome 1938.


In den vergangenen dreißig Jahren haben wir auf unterschiedliche Weise an dieser Stelle an die Ereignisse und Folgen der so genannten Reichspogromnacht 1938 erinnert. Ab 1988 entstanden Publikationen wie das Gedenkbuch, Veranstaltungsreihen und Ausstellungen. 1994 wurde mit Holocaustüberlebenden, deren Angehörigen und dem Landesverband jüdischer Kultusgemeinden das Synagogendenkmal enthüllt. Mal sprachen hier Überlebende der Shoah oder deren Nachfahren, mal blieb es bewusst bei stillen Mahnwachen oder es wurde die Ton-Bild-Schau „Darüber weine ich so, und mein Auge fließt von Tränen“ gezeigt.


Nach den zahlreichen jährlichen Gedenkreden, die meine Vorgänger und auch ich als Bürgermeisterin an diesem Erinnerungsort hielten, war es der Stadt Witten, dem Freundeskreis der Israelfahrer und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ein Anliegen, die Schülervertretung des Ruhr-Gymnasiums stärker in das Gedenken einzubinden. Denn schließlich befand sich das Gymnasium in direkter Nachbarschaft zur Synagoge. So werden in diesem Jahr Selim Yurtsever und Maurice Prior zu uns sprechen. Im Anschluss daran wendet sich ein besonderer Gast an uns: Dr. Nicholas Boheimer aus Neuseeland. Er ist Sohn des 1939 aus Deutschland per Kindertransport nach England geretteten Klaus Böheimer, der mit seiner Familie bis 1939 in Witten in der Nordstraße wohnte. Die Familie erlebte dort die Reichspogromnacht.


Anlässlich des diesjährigen 80. Jahrestags der Novemberpogrome hat das soziokulturelle Zentrum Trotz Allem acht Veranstaltungen zum Thema „Antisemitismus und Erinnerungskultur“ initiiert und in Kooperation mit dem Stadtarchiv durchgeführt. Bei denjenigen, die diese Reihe förderten und realisierten, möchte ich mich ausdrücklich bedanken.


Lassen Sie mich noch einmal kurz auf die Hintergründe zum Pogrom vom 9. November 1938 eingehen: In Paris auf Besuch bei seinem Onkel erfuhr der damals siebzehnjährige Herschel Grynspan, dass seine Familie aus Hannover an die polnische Grenze abgeschoben worden war. Verzweifelt plante der junge Mann, den deutschen Botschafter Ernst vom Rath zu treffen, um seiner Familie zu helfen. In der Botschaft verletzte Herschel Grynspan Ernst vom Rath tödlich. Hitler missbrauchte diese Tat und rief zur Rache für die „Mordtat von Paris“ auf. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es daraufhin fast überall in Deutschland zu Pogromen: jüdische Bürger wurden geschlagen, verhaftet, auch ermordet, ihre Geschäfte wurden zerstört, geplündert, Synagogen und jüdische Gebetsräume in Brand gesteckt. Die Reichspogromnacht, verharmlosend auch als Reichskristallnacht bezeichnet, war der Auftakt des millionenfachen Mordes an der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und nachfolgend in den von deutschen Truppen besetzten Teilen Europas. Bei der Verdrängung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben, der Enteignung jüdischen Eigentums und der folgenden Deportationen waren gleichgeschaltete Verwaltungen maßgeblich beteiligt. Die Stadtverwaltung Witten bildete dabei keine Ausnahme: Feuerwehrleute löschten die brennende Wittener Synagoge nicht, Polizeibeamte verhafteten männliche Juden in der Nacht und am Vormittag des 10. Novembers 1938, Schulleitungen schlossen zum 15. November 1938 jüdische Schülerinnen und Schüler vom Besuch ihrer Schulen aus, Standesbeamte trugen die jüdischen Zwangsvornamen „Israel“ und „Sara“ in Geburtsurkunden ein und der Wittener Stadtinspektor Paul Freund dokumentierte 1938 in den Annalen der Stadt dass seit 1933 die – Zitat - „jüdische Vorherrschaft gebrochen“ sei. Dies sind nur einige Beispiele für das damals funktionierende totalitäre System.


Und wie verhielt sich die Mehrheit der Wittener Bevölkerung? Sie sah aus Angst oder Gleichgültigkeit dem organisierten Verbrechen stillschweigend zu oder beteiligte sich systemunterstützend durch Denunziationen und profitierte von den folgenden „Arisierungen“.


Der 9. November 2018 ist ein sehr trauriges Jubiläum. – Ursprünglich wollte in diesem Jahr Usi Ron, ein Nachfahre der in Witten-Annen ansässig gewesenen Familie Rosenthal an diesem Ort das „Kaddisch“ sprechen. Aus persönlichen Gründen konnte er leider nicht kommen. Doch hat er uns ein Grußwort geschrieben, das Ihnen nun Frau Dr. Martina Kliner-Fruck vorlesen wird.

 

Foto: Jörg Fruck