[Bildtitel]: Albert Chambon mit Ehefrau Nicole und Kindern Isabelle und Jérôme bei ihrer Ankunft in den USA 1945; Bildnachweis: Fotosammlung Stadtarchiv Witten, Foto: privat

Erinnerung an Albert Chambon

Stadtarchiv Witten erinnert an den französischen KZ-Häftling Albert Chambon

70 Jahre nach Kriegsende und Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald veröffentlicht das Stadtarchiv Witten einen Auszug aus den Erinnerungen des ehemaligen französischen KZ-Häftlings Albert Chambon, die 1961 in Frankreich in Buchform erschienen sind. Das Stadtarchiv erwarb die Rechte für eine deutschsprachige Fassung, deren Edition mit redaktionellen Anmerkungen in Planung ist. Unterstützt wird das Projekt von einer ehrenamtlich tätigen Übersetzerin und der in Frankreich lebenden Tochter des Albert Chambon, der 2002 verstorben ist.

 

Geboren 1909 in Châlons-sur-Marne wurde Chambon 1944 in Paris als Mitglied der französischen Résistance-Bewegung verhaftet und zunächst in das Gefängnis Fresnes eingeliefert. Von dort verschleppten ihn die deutschen Besatzer über das Konzentrationslager Royallieu bei Compiègne am 21. August 1944 in das Konzentrationslager Buchenwald. Im Oktober 1944 überstellte ihn die SS in das KZ-Außenlager Buchenwald in Witten-Annen, wo er mit mehr als 700 männlichen KZ-Gefangenen bis Ende März 1945 Zwangsarbeit im Gussstahlwerk Annen leisten musste. Nach seiner Befreiung bei Lippstadt durch Einheiten der US-Armee kehrte er nach Frankreich zurück und emigrierte noch 1945 in die USA.

 

Im folgenden Textauszug erinnert sich Albert Chambon an den so genannten Evakuierungsmarsch, der in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1945 durch SS-Wachleute erzwungen wurde:

 

„... Diese Notizen haben hier aufgehört. Danach kam zwangsläufig der Marsch von Witten-Annen nach Lippstadt über Dortmund, um der Einkreisung der beiden alliierten Flügel zu entkommen, die schließlich bei Lippstadt zusammentrafen, am 1. April, dem Ostertag, dem Tag der Auferstehung, an dem Tag, genauer gesagt, in der Nacht, als wir selbst dort ankamen.

Von diesem ganzen Weg von neunzig Kilometern, den wir in drei Tagen und drei Nächten zurücklegten, bleiben uns nur einige Erinnerungen hier und da in unserem Gedächtnis hängen. Denn wir können uns nicht genau an das erinnern, was passiert ist. So sehr hatte unsere körperliche, mentale und moralische Erschöpfung die Grenzen des menschlichen Wesens überschritten. Alles ist verschwommen von diesen Stunden und diesen Tagen, die wir immer nur durch einen Nebel erlebt haben. Und wenn wir manchmal im Geiste diesen Weg wieder zurücklegen wollen, scheint es uns nicht, dass wir ihn als lebende Wesen zurückgelegt haben.

Marschbefehle und Gegenbefehle werden die ganze Nacht gegeben. Aufmarsch, dann zurück in die Baracken; wieder Aufmarsch, dann zurück in die Baracken … Unmöglich zu schlafen, so groß ist unsere Unruhe. Sicher werden wir nicht den Händen der Alliierten „ausgeliefert“ werden. Werden wir dann zwischen die beiden Fronten geraten und sind wir genau vor unserer Befreiung dazu bestimmt zu sterben, vielleicht von den alliierten Truppen getötet zu werden?

Die meisten von uns fürchten vor allem, dass man uns auf die eine oder andere Weise vor dem deutschen Rückzug hinrichtet, vermutlich mit dem Maschinengewehr und mit dem Flammenwerfer. Beunruhigende Gerüchte sind dazu im Umlauf. Aus Buchenwald sollen Befehle eingetroffen sein. Was können wir tun? Nichts als beten mit der Angst in unseren Herzen.

Am Morgen gegen sechs Uhr holt man uns aus dem Lager und wir marschieren los. Wir wissen nicht, in welche Richtung man uns mitnimmt. Jedenfalls haben wir die Stadt schnell hinter uns gelassen. Vielleicht evakuiert man uns nach Buchenwald? Aber die Züge verkehren wohl sehr schlecht wegen dieser unaufhörlichen Bombardierungen. Wenn wir zu Fuß gehen müssen, werden „sie“ uns jedenfalls nicht sehr weit mitnehmen können wegen des Zustands körperlicher Erschöpfung, in dem wir uns befinden. Wir gehen nah an einer am frühen Morgen ruhigen, kleinen Kirche vorbei.

Mit dem Gepäck der SS beladene schwere Holzkarren auf zwei Rädern werden im Wechsel der Gruppen von fünfzehn bis achtzehn Gefangenen gezogen, mit Hilfe von Riemen, die man uns über die Schultern legt. Wir können die Füße nicht heben, die über den Boden schleifen.

An diese Karren geschirrt und vor Schwäche unter den Schlägen zusammenbrechend, scheint es uns, dass wir einen Teil dessen erleben, was Christus erlitt, als er geschlagen, beschimpft, stolpernd und erschöpft das schwere Kreuz auf seiner Schulter nach Golgatha trug.

Wir wissen, dass wir erschlagen werden, wenn wir fallen. Dennoch müssen wir zusätzlich auf diese schon so schweren Karren diejenigen Kameraden legen, die zusammenbrechen, sonst wird ein Revolver in ihren Nacken knallen.

Die Kanone donnert vor uns, hinter uns, neben uns. Wir denken nicht mehr an die mögliche Befreiung. Wann? Wie könnte sie jetzt geschehen? Wir werden vorher hingerichtet werden. Es gibt keine Träumerei mehr, keine Hoffnungen, keine Träume, keine Verzweiflung, wir sind vernichtet. Nur dies eine: wir müssen aushalten, aushalten, wie gewohnt aufrecht bleiben. ...“

 

Auszug aus: Chambon, Albert: 81490, Verlag Flammarion, Frankreich 1961, übersetzt von Gerda Bonsiepen für das Stadtarchiv Witten, derzeitige Arbeitsfassung S. 88 f.

 

[Bildtitel]: Albert Chambon mit Ehefrau Nicole und Kindern Isabelle und Jérôme bei ihrer Ankunft in den USA 1945

Bildnachweis: Fotosammlung Stadtarchiv Witten, Foto: privat