Glasstiefel 1914; Foto: Jörg Fruck

Ausstellungstipp des Stadtarchivs: An der „Heimatfront“

Das Stadtarchiv empfiehlt den Besuch der Wanderausstellung „Westfalen und Lippe im Ersten Weltkrieg“ des LWL-Museumsamtes für Westfalen. Sie wird bis zum 5. Oktober 2014 im Stadtmuseum Münster gezeigt. Unter den Ausstellungsexponaten befindet sich auch eine Leihgabe des Kulturforums Witten.

Prolog

7. Juni 1914: Der Fuhrmannsverein „Gute Fahrt“ in Langendreer feiert sein 4. Stiftungsfest. Zu den Höhepunkten, so berichtet die Lokalpresse, zählen ein Festumzug mit auswärtigen „Brudervereinen“ und die Fahnenweihe. Anlässlich dieser Feierlichkeiten schenkt der am Ort ansässige Kaufmann Louis Löwenthal, Mitglied der Synagogengemeinde Witten, der später nach Dortmund verzieht, den Fuhrleuten ein stiefelförmiges Trinkgefäß aus Glas. Von einer feucht-fröhlichen Feststimmung an jenem Junitag ist auszugehen. Diese entspricht der Atmosphäre an vielen Orten in Deutschland. Die sich ankündigende Kriegsdynamik wird durch sie beschleunigt werden. – Wenige Wochen später kommt es zu Kriegserklärungen europäischer Nationalstaaten und das vierjährige mörderische Schlachten beginnt.

 

Der gläserne Stiefel überstand trotz der Fragilität des Materials beide Weltkriege. Louis Löwenthal, geboren 1863 in Lödingsen, in den 1930er-Jahren in Witten wohnhaft, wurde mit seiner Ehefrau Johanna geborene Rollmann im Juli 1942 von Dortmund in das so genannte Ghetto Theresienstadt, von dort in das SS-Vernichtungslager Treblinka deportiert und zwei Monate später ums Leben gebracht.

 

Weitere Informationen zur Wanderausstellung¹

 

Der Erste Weltkrieg beeinflusste alle Lebensbereiche und stellte eine neue Qualität des Kriegslebens dar. „Front“ und „Heimat“ waren dabei eng miteinander verbunden. Der Zivilbevölkerung sollte neben der wirtschaftlichen und finanziellen Sicherung des Krieges auch die moralische Unterstützung der Truppen obliegen. Doch unter dem Eindruck des Kriegsverlaufs wich die anfänglich vielfach positive Stimmung zunehmend einer Desillusionierung.

 

Die Wanderausstellung des LWL-Museumsamtes für Westfalen beleuchtet die Geschehnisse exemplarisch aus dem Blickwinkel der Menschen in der Region. Die Präsentation möchte eine „Innenansicht“ des Alltags in Westfalen und Lippe im Zeichen von Not, Entbehrung, Trennung und Verlust geben. Es werden Aspekte wie Mobilmachung, Versorgung, Familie, Arbeit, organisierte „Liebestätigkeit“, Versehrtheit, Kriegsende und private Kriegserinnerung berücksichtigt.


¹ Quelle: LWL-Museumsamt für Westfalen


Die Ausstellung wird 2014 / 2015 in acht Museen in Westfalen-Lippe gezeigt. Nähere Informationen zu den Ausstellungsstationen, das wissenschaftliche Begleitmaterial und museumspädagogische Programme finden Sie hier.