Karl Otto Götz (* 1914 in Aachen; † 2017 in Wolfenacker)

Nova III, 1984

Mischtechnik auf Leinwand

174 x 144 cm

© VG Bild-Kunst, Bonn 2019

 

 

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So ist der erste Eindruck beim Anblick des Bildes „Nova III“: als ob von oben ein SPLASH herunterkommt, zerstiebt und dann in kleinen Wellen ausplätschert. So, als ob.

 

Geschwindigkeit gerinnt hier zur Form.

 

Man sieht sofort, dass hier mit großem Pinsel oder Ähnlichem gearbeitet wurde, in heftigen Schwüngen. Karl Otto Götz hatte beim Anrühren von Kleister und Farbe eine Maltechnik entwickelt, die er ab 1952 für seine informelle künstlerische Konzeption benutzte. Die Leinwand liegt dabei auf dem Boden, wird mit Kleister eingestrichen, dann kommt die Farbe: Große Pinsel oder Gummirakeln verteilen diese Masse in blitzschnellen Bewegungen. Hierdurch erinnert der Vorgang an die chinesische Kalligrafie, bei der man nach einer längeren Phase der Meditation dann in einem Zug den Pinselstrich ausführt. Es ist also nicht die traditionelle Behandlung mit dem Pinsel, wobei die Farbe meist deckend und „anstreichend“ aufgetragen wird und der Pinsel die Leinwand gewissermaßen „streichelt“. Hier wird bei Götz die Farbe so mit einer Rakel über die Fläche bewegt, dass Wischspuren entstehen, wie wir sie von Scheibenwischern kennen oder vom Fensterreinigen. Die Farbspuren zeigen die Bewegungsrichtung durch Schlieren klar an. Danach folgt ein zweiter Bearbeitungsschritt, bis das Ergebnis zufriedenstellend ist, falls erforderlich, ein dritter. Das teilweise Wegschleudern oder Verschieben der Farbe mit der Rakel ist so zu seiner „Handschrift“ geworden, seinem Markenzeichen.

 

So stark der Eindruck von Wischen, Geschwindigkeit, Bewegung und Schwung also ist: Damit dieser Vorgang gelingt, braucht Götz als Vorbereitung die absolute Konzentration, Ruhe, Entspannung und Meditation. So zufällig, wie der Ausschnitt der Bewegung der Pinsel und Rakeln uns zunächst vorkommt, so beliebig und willkürlich – das kann ich auch, denkt man –, so zufällig sind die Bewegung und die Malerei nämlich auf den zweiten Blick überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil! Karl Otto Götz komponiert seine Bilder vorher und hat vor dem Beginn eine klare Vorstellung und immer reagiert er in einem zweiten Schritt dann auf das am Boden liegende Format. Hier, in diesem Bild, stürzt mit großer Geste zunächst der senkrechte „Strich“ nach unten, über die Mitte hinaus, wird verwirbelt ... Es ist also auch hier die Ruhe, aus der die Kraft kommt.

 

An der Kunstakademie in Düsseldorf lehrte Götz von 1959 bis 1979 als Professor Freie Malerei und bildete international berühmte Künstler wie Gerhard Richter oder Sigmar Polke aus. Er gilt heute als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten deutschen Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

Harald Kahl, Vorsitzender des Fördervereins Märkisches Museum Witten e. V.

 

 

Rakeltechnik

Ein Rakel ist ein Abstreifgerät, das aus verschiedenen Materialien bestehen kann, zum Beispiel ein Holzspachtel mit Gummilippe, ein Großflächenspachtel aus Aluminium oder ein kleiner Kunststoffspachtel. Bei der Rakeltechnik werden Farben in mehreren Schichten übereinander aufgetragen und durch Abstreichvorgänge neue überlagert, aufgerissen oder ganz ausgelöscht. Auf diese Weise entsteht ein Bild aus dem Zusammenspiel von Planung, Zufall und Intuition.

 

 

 

Mehr zum Leben und Werk von Karl Otto Götz finden Sie auf der Homepage des Künstlers: https://www.xn--ko-gtz-zxa.de/

 

Auf YouTube können Sie einen Beitrag der WDR Lokalzeit Aachen zum 100-jährigen Geburtstag von Karl Otto Götz ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=gAAYzK07PN4

 

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