Bernard Schultze (* 1915 in Pi?a, PL; † 2005 in Köln)

Großes Migof-Deckenrelief, 1977–1978

Öl, Draht, Papier, Müll, Gips und Holz

ca. 190 x 600 cm

© VG Bild-Kunst, Bonn 2019

 

Bernard Schultze ist 63 Jahre alt, als er die Arbeit an diesem großen Migof aufnimmt. Er bereitet die Papiermasse vor, er sucht sich den Maschendraht und die Latten zusammen, die er braucht, um seinem Objekt die stabile Struktur zu geben. Dann beginnt er Hunderte von kleinen Skulpturen zu kneten, sie mit Draht zusammenzufügen und sie an die zentrale achtstrahlige Mittelfigur zu hängen. Er muss von Beginn an dieses Werk für einen riesigen hohen Raum vorgesehen haben. Vielleicht hatte er schon den Hauptraum des Märkischen Museums Witten vor Augen, denn er schenkte sein Werk dem Museum nach seiner ersten großen Ausstellung auf der documenta VI 1977 in Kassel. Seitdem hängt nun dieser insektenhafte Riesen-Migof über den Köpfen der Museumsbesucher. Was bedeuten diese von ihm mit dem lautmalerischen Kunstwort „Migof“ benannten Skulpturen? Die Migofs sind biegsame, zerbrechlich wirkende Gebilde, zwischen Tier, Pflanze und Mensch stehende Wesen.

 

Schultze benutzt in vielen seiner Migofs Schaufensterpuppen, die er aus seinen klassischen Materialien Papiermasse, Draht und Stoffresten, mit erdigen Farben überzogen, zusammenbaute. Das Museum besitzt weitere Arbeiten von Bernard Schultze, unter anderem auch eine Arbeit mit einer Schaufensterpuppe.

 

Es drängt sich die Frage auf, inwieweit bei Bernard Schultzes Migofs der Umstand nachwirkt, dass 1944 alle seine bisherigen Werke in Berlin bei einem Bombenangriff zerstört wurden. Alle Migofs sprechen von Zerfallen, Zerfließen und Vergehen.

 

Mich erinnert dieser Migof in seiner strukturlosen, auswuchernden Insektenhaftigkeit an eine ferne Milchstraße. Sie ist verschüttet worden, diese mythologische Milch, sie schimmelt und gammelt am hohen Himmel vor sich hin, sie repräsentiert die Götter Griechenlands, denen es nicht mehr gelingen kann, die ewige Schönheit des Universums zu besingen. Die Sternenmyriaden, die dort über uns hängen, sind verdorben, verwesen langsam weiter und wir müssen dabei zusehen. Bernard Schultzes Freude an diesen morbiden Gedanken ist vorstellbar. Er, der sonst in seinen Gemälden die lichten, hellen Farbstrudel liebt, greift hier in den Migofs zu einer ganz anderen Palette. Am besten wäre es, wenn wir uns auf den Museumsboden legen und diesen Migof als eine ferne, einstmals strahlende Milchstraße ansehen könnten.

 

Lutz Quambusch, bildender Künstler

 

 

Alltagsmaterial in der Kunst

Bernard Schultze fertigte sein „Großes Migof-Deckenrelief“ aus ganz unterschiedlichen Materialien, die er im Atelier gefunden hatte. So ist dort neben Farbe, Pappmaschee und Draht auch Müll verarbeitet. Erst seit dem frühen 20. Jahrhundert werden Alltagsgegenstände in die Kunst einbezogen. Die Maler des Kubismus, unter anderem Georges Braque und Pablo Picasso, fingen an, Holzstücke und Zeitungsausschnitte in ihre Gemälde einzuarbeiten. 1913 schuf der dadaistische Künstler Marcel Duchamp das erste Readymade, indem er ein normales Fahrrad-Rad zusammen mit einer Gabel auf einen Hocker montierte und dies ausstellte. Er wollte damit ein Werk schaffen, das kein Kunstwerk ist: ohne künstlerische Gestaltung und damit ohne persönlichen Ausdruck.

 

 

 

Mehr zum Leben und Werk von Bernard Schultze finden Sie auf der offiziellen Internetseite zum Künstler: https://www.bernard-schultze.org/

 

Ein kurzer Film auf YouTube zeigt einige Arbeiten des Künstlers mit Musik hinterlegt. https://www.youtube.com/watch?v=tS1-59xZ4oc

 

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