widersprüchliche Konturen

Olivia Berckemeyer, Svenja Kreh, Alicja Kwade, Isa Melsheimer,
Katja Strunz, Viktoria Wehrmeister


Die Ausstellung „widersprüchliche Konturen“ im Märkischen Museum Witten zeigt sechs zwischen 1968 und 1979 geborene Künstlerinnen, die in Berlin und Düsseldorf leben und arbeiten. Die Festlegung auf sechs Teilnehmerinnen ergibt sich aus dem Bezug zu den sechs Wechselausstellungsräumen des Märkischen Museums. Aufgrund ihrer besonderen architektonischen Struktur erlauben diese gleichzeitig sowohl als „monografisch“ zu bezeichnende Präsentationen in den einzelnen Räumen als auch unmittelbare visuelle und konzeptuelle Bezugnahmen von Raum zu Raum. Insofern wird bereits den Räumen die Funktion einer „ordnenden“ Systematik zuteil. Gleichzeitigkeit und das Nebeneinander des Vielfältigen und Autonomen sowie Bezüge und Entsprechungen, komplementäre oder konträre Lesearten sind in gleichem Maße möglich. Insbesondere die Durchgangszonen funktionieren als Zwischenräume im Wortsinne, über welche die sechs Einzelpositionen in einem komplexen Netz verknüpft werden. In die Konzeption der Künstlerinnen sind Medien wie Malerei, Zeichnung, Plastik sowie Installation gleichrangig einbezogen.

Der Eingangsraum wird von der Künstlerin Isa Melsheimer, geboren 1968, bespielt. Sie konnotiert ihre Installationen, skulpturalen und textilen Arbeiten mit Fragen zur Behausung und Gestaltung der unmittelbaren Umgebung. Sie abstrahiert dabei einzelne formale Komponenten, um deren kulturelle Codes zu befragen. Die große Wittener Installation „Sitzgruppe mit Onyxwand“ bezieht sich inhaltlich auf die innenarchitektonischen Besonderheiten des Barcelona Pavillons des Architekten Mies van der Rohe und deutet diese um. Im folgenden Raum ist eine aufeinander bezugnehmende Plastikengruppe der 1968 in Mexiko geborenen Bildhauerin Viktoria Wehrmeister zu sehen. Ihre fragilen und sinnlichen Arbeiten bestehen aus Holzgestellen, Kartonagen, Drähten und Stäben, über die die Künstlerin Schicht um Schicht Gips aufträgt und modelliert. Ihre “Masken und Figura-Plastiken“ verweisen auf die theatralischen Aspekte ihrer Arbeit und machen auf einen weiteren Arbeitsbereich der Künstlerin aufmerksam, die Performance.


Svenja Kreh, 1968 geboren, transportiert die Idee verschlungener, surrealistischer Welten in klein- und großformatige Tuschezeichnungen. Zitate und Fragmente aus den Tafelbildern alter Meister, aber auch aus der jüngeren Kunstgeschichte werden verwendet und verdichten die Befremdlichkeit ihrer Bildwelten.
Das Thema Mobilität und Reisesehnsucht verbildlicht die 1968 geborene Künstlerin Olivia Berckemeyer. Den „tropfenden“ Skulpturen gehen Wachsmodelle voraus, die exakt in Bronze nachgegossen werden. Werktitel der Arbeiten wie „Here comes the sun“ und „Alphastar“ klingen leicht und verheißungsvoll, erinnern jedoch aufgrund der Schwere ihres Materials und der vermeintlich zerfließenden Darstellung an den barocken Gedanke der Vergänglichkeit. Der Opulenz dieses Raumes folgt eine reduzierte und zurückhaltende künstlerische Position von Katja Strunz, geboren 1970. Die Raumarbeit „Black Angry Wall“ wird in dieser Ausführung erstmalig im Museumskontext ausgestellt. Die Künstlerin arbeitet vorrangig mit Papier und Metall. Nicht nur die Skulpturen selbst, auch ihre Wirkung im Ausstellungsraum erarbeitet sich die Künstlerin anhand von Modellen aus Papier. Auf den Raum zu reagieren ist ihr Arbeitsprinzip. Den Abschluss bildet eine Rauminstallation, die die Künstlerin Alicja Kwade, geboren 1978, für die Ausstellung konzipiert hat. Sie zeigt eine konzentrierte Zusammenstellung ihrer bekanntesten Werke. An den vier Wänden befinden sich jeweils eine der „Gegen den Lauf“- Arbeiten, die das im Mittelpunkt des Raumes platzierte Exponat „Parallelwelten“ umschließen. Mit ihren Skulpturen und Rauminstallationen hinterfragt sie ökonomische, wissenschaftliche und soziokulturelle Systeme und deren unsichere Beschaffenheit. Sie reflektiert das Thema Zeit als elementare Konstante, die eine scheinbare Sicherheit bietet und verweist gleichzeitig auf die Möglichkeit einer Alternativ- bzw. Parallelwelt.
 
Gemeinsamer Nenner dieser Konzepte bildet indes der Verzicht auf allzu eindeutige und kategorisierende Zuordnungen sowie eine plurale Gleichzeitigkeit und ein gleichwertiges Mit- und Nebeneinander mitunter divergierender künstlerischer Modi und Konzepte.