Digitaler Adventskalender – Zeit finden

Türchen zum 24. Dezember

Heute haben wir eine besondere Überraschung. Falls Sie es beim Stöbern in den 59 Jahrgängen der Annener Zeitung (September 1885 bis März 1943) im Zeitungsportal Zeit.punkt NRW nicht schon selbst entdeckt haben: Mittlerweile ist auch der „Wittener Anzeiger“ aus dem Jahr 1869 (!) digitalisiert und online. Dort findet sich Informatives zur Welt-, Regional- und Ortsgeschichte aus der Mitte des 19. Jahrhunderts: Drolliges, Trauriges, Sozialgeschichte, Politik, Geschäftsanzeigen, Bekanntmachungen – Vieles rund um das Ringen der Menschen im Großen wie im Kleinen. Schon damals, vor 151 Jahren, war die Straßensanierung Thema in Witten. Eine lebhafte Diskussion gab es beispielsweise um den Ausbau der 1863 benannten Poststraße, vormals Bergerstraße, wie es das folgende Gedicht von „unbekannt“ anschaulich beschreibt. 
Das Stadtarchiv Witten wünscht Ihnen frohe Festtage, einen glücklichen, gesunden Jahreswechsel und Erkenntnisgewinn beim „Zeit finden“.

Es wird besser.

Man fängt bei den hiesigen schmutzigen Straßen,
Wie wir sie bekanntlich schon lange besaßen,
Jetzt ernstlich auf einer Stelle damit an,
Zu zeigen, wie Witten noch werden kann.

Wer sich hier schon vom Bahnhof rechts gewendet,
Zum Ort, da die Post ihr Colli* entsendet,
Betrat bisher zu nicht geringem Schreck
Eine Straße, erbaut aus Asche und Dreck.

An ihr wird jetzt ein Exempel statuiret,
Wie man die Wege von Grund auf renoviret,
Zugleich, was sehr in die Waagschale fällt,
Zum Abschluß das richt’ge Niveau hergestellt.

Doch muß, sagt ein Sprüchwort, gewöhnlich auf Erden,
Was besser soll sein, erst schlechter noch werden;
So wird auch durch dieses Werk erst zerstört,
Doch später die dauerndste Freude gewährt.

Viel Wirrwarr muß werden noch überwunden,
Für Treppen und Vorplätze Ordnung gefunden,
Gearbeitet täglich ohn‘ Ruhe und Rast,
Eh‘ Alles auf’s Neue wieder sitzet und paßt.

Dann aber wird keiner die Aenderung beklagen,
In stiller Befriedigung Jedermann sagen:
„Die Poststraße zeigt jetzt ein freundliches Bild,
Das am Eingang nicht wenig die Stadt empfiehlt.“

An den Seiten Fußwege, fein mit Platten,
Akazien daneben, zu sanftem Beschatten,
Die Rinnsteine glatt, nach Macadam**
Die Fahrbahn inmitten, gar wundersam.

So die Straße; vom Wasserwerk gespület,
Die Luft nach Bedürfnis erfrischt und gekühlet,
Und im Lenze, natürlich, mit süßem Schall,
Auf jedem Baum Abends ’ne Nachtigall! – 

Doch scheint es vielleicht, ich wollt’ übertreiben,
Drum will ich auf diesem Punkt stehen bleiben. – 
Abwarten und Thee trinken; – bald seufzet der Neid:
„Ach wär’n wir mit all unsern Straßen so weit!“

Anmerkungen:
*Collo (Plural: Colli) stammt aus dem Französischen und bezeichnet die kleinste Verpackungseinheit. 
**Der Begriff „Macadam“ ist hier eine Anspielung auf eine Straßenbauweise mit speziellem Schotterschichtverfahren, benannt nach dem schottischen Ingenieur John MacAdam.

Quelle: Stadtarchiv Witten, Wittener Anzeiger v. 21.12.1869.
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https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/10370354