Einweihung der Gedenktafel an der Husemannstraße 17 für die Familie Eichengrün; Foto: Jörg Fruck

Dokumentation „Erinnern für die Zukunft“ – „Villa Eichengrün“

Rede der Bürgermeisterin Sonja Leidemann zur Enthüllung der Gedenktafel vor dem Haus Husemannstraße 17 – ehemalige „Villa Eichengrün“ am 9. November 2018


Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, liebe Schülerinnen und Schüler,

heute, am 80. Jahrestag der Novemberpogrome, begrüße ich Sie auf Einladung der Eigentümer Husemannstraße 17 zur Enthüllung der vierten Gedenktafel „Erinnern für die Zukunft“ in Witten. Diese Gedenktafeln werden von Hauseigentümern oder Hausbewohnern initiiert. Die erste dieser Art brachte Familie Glathe 2014 am Wohnhaus Nordstraße 16 an. Sie erinnert an die einst dort ansässig gewesene Familie Böheimer. Dr. Nicholas Boheimer, ein Nachfahre der Familie, ist aus Neuseeland angereist, um an den diesjährigen Gedenkveranstaltungen teilzunehmen. Herzlich willkommen, Herr Boheimer!

„Erinnern für die Zukunft“ mit Erläuterungstafeln an Erinnerungsorten ist wie das Projekt Stolpersteine eine Form der Erinnerungskultur, die auch in unserer Stadt besondere Bedeutung erlangt hat. Die im Volksmund so bezeichnete „Villa Eichengrün“ ist seit 1984 denkmalgeschützt. Erbaut wurde sie an der Blücherstraße, heute Husemannstraße, von der Familie Eichengrün, die seit Ende des 19. Jahrhunderts in Witten wohnte und wirkte. Wenige Familienmitglieder haben den NS-Terror überlebt. Nur einige von ihnen konnten sich überwinden, an den Ort zurückzukehren, wo sich einst ihr Lebensmittelpunkt befand und wo die Eichengrüns spätestens seit 1933 unmittelbar von Antisemitismus betroffen waren. Eine Enkelin der Familie schrieb 1993 in einem Brief an die Stadt:

„Gut erinnere ich mich an die Villa Blücherstraße 17, ein schönes großes Haus. Der Garten war mehr wie ein Park und hinten hatte es einen Tennisplatz. Da stehen jetzt Häuser. Direkt hinter der Villa war Rasen und eine Art Gartenlaube, wo man dann Kaffee trinken konnte. Jetzt ist das ein Parkplatz. Von den neun Enkeln waren immer einige auf Besuch. Wir waren alle schrecklich gerne dort ... Meine beste Erinnerung war der deutsche Schäferhund „Lux“, den wir Kinder alle sehr liebten... - Wir Kinder hatten uns eines Tages ausgesperrt und wir riefen den Hund so lange, bis er von innen irgendwie auf den Türgriff sprang und uns die Tür so aufgemacht hat. Das habe ich nie vergessen. Leider, wie mir Tante Änne später erzählte, wurde der Hund von den Nazis erschlagen, da er ein [in Anführungszeichen!] „Judenhund“ war.


Sehr geehrte Anwesende, die Pogrome gegen die jüdische Minderheit in Deutschland ereigneten sich vor 80 Jahren auch in Witten unter den Augen der Nachbarinnen und Nachbarn, mitten in der Stadt und in den Stadtteilen. Die Pogrome wurden von Nationalsozialisten ausgeführt, während die Mehrheit der Wittener Bevölkerung aus Angst oder Gleichgültigkeit wegsah oder sich sogar an den Verbrechen beteiligte. Leider halfen nur wenige, indem sie ihren verfolgten Nachbarn für die eine Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 Unterschlupf boten. Alles geschah direkt vor unserer Haustür.

Die Art und Weise, wie wir an diese Verbrechen und an den nachfolgenden millionenfachen Völkermord, an die Opfer, die Täter und Mitläufer erinnern, wie wir das Wissen über die NS-Geschichte vermitteln und die Forschung stärken können, ist eine Herausforderung für Gegenwart und Zukunft. Unsere gesellschaftliche Herausforderung ist jedoch auch, dem aktuellen Antisemitismus entschieden entgegen zu treten, in Zeiten, in denen jüdische Männer, die eine Kippa tragen, wieder auf der Straße angegriffen werden und sich antisemitische Gewalttäter gegen jüdische Einrichtungen und Gotteshäuser richten: in Deutschland, in Europa und am 27. Oktober dieses Jahres in Pittsburgh, wo elf Gläubige in ihrer Synagoge von einem Rechtsradikalen erschossen wurden.

Herr Dr. Ulrich Schroeder hat mit der Eigentümergemeinschaft dieses Hauses dafür gesorgt, dass nun an dieser Stelle an die Familie Eichengrün und ihr Verfolgungsschicksal erinnert wird. Für Ihre Initiative und Ihr Engagement möchte ich Ihnen, Herr Dr. Schroeder, sehr danken. Ich danke auch Frau Andrea Weinberg, die Schülerinnen, die zur Judenverfolgung in Witten forschten, mehrfach den Zugang zum Haus ermöglichte.

Zur Geschichte des Hauses und seiner Bewohnerinnen und Bewohner und was in der NS-Zeit vor der Haustür geschah, wird nun Herr Dr. Schröder berichten. Im Anschluss daran lade ich in das Haus Husemannstraße 12 ein, fast gegenüber gelegen. Dort wird ab 16 Uhr im Lesecafé das Programm zum 9. November mit einer Buchvorstellung fortgesetzt. Um 18 Uhr treffen wir uns am Ort der ehemaligen Synagoge Breite Straße/Ecke Synagogenstraße.



Foto: Jörg Fruck