Gedenkfeier am Ort der ehemaligen Synagoge; Foto: Jörg Fruck

Dokumentation zum 80. Jahrestag des Novemberpogroms 1938

Rede zum 9. November 2018 der Schülervertretung des Ruhr-Gymnasiums Witten von Selin Yurtsever und Maurice Prior

Selin: Sehr geehrte Anwesende!


Maurice: ,,Möge dieser Bau, in so edler Absicht begonnen, auch den spätesten Geschlechtern zum Segen gereichen.” - Ascher Löwenstein


Selin: Mit diesen Worten begann Ascher Löwenstein, der damalige Vorsitzende der Synagogengemeinde vor 133 Jahren hier, an dieser Stelle, seine Rede zur Grundsteinlegung der Wittener Synagoge. Die Wortwahl der ,,spätesten Geschlechter” wird sich an eine andere Zukunft gerichtet haben, aber wir, eine jüngere Generation unserer Zeit, stehen heute am gleichen Ort, zwar aus einem anderem Grund, als Ascher Löwenstein es damals geahnt hätte, aber vielleicht mit ähnlichen Hoffnungen für die Zukunft, die er damals gehegt haben mag.

Damals wurden jedoch nicht nur seine Wünsche zerstört, nein. Das Ausmaß der Zerstörung und der Verwüstung durch die Nationalsozialsten an diesem Tag vor genau 80 Jahren, in der sogenannten Reichspogromnacht, war verheerend und grausam. In dieser Nacht demolierten Nazis (in Anführungsstrichen) „jüdisches“ Eigentum wie zum Beispiel Wohnungen und Geschäfte und übten Gewalt an Männern, Frauen und Kindern aus. Diese Menschen wurden misshandelt und ihnen so ihre Würde, die nach Artikel 1 unseres heutigen Grundgesetzes unantastbar sein soll, ja sogar ihr Leben genommen.


Maurice: In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938: Feuer! In Geschäften, in Wohnungen und zum Entsetzen der Gemeindemitglieder in der Synagoge. Gewalt! Gegen jüdische Männer, Frauen und Kinder. Schweigen! Bei der Mehrheit der Wittener.


Selin: ,,Und wir sahen, wie der Himmel heller wurde von dem Wiederschein der brennenden Synagoge, aber kein Feuerwehrauto bewegte sich, um den Brand zu löschen.” - Paul Safirstein


Maurice: Und dabei war die brennende Synagoge gerade einmal wenige hundert Meter vom damaligen Feuerwehrdepot in der Hauptstraße entfernt. Allerdings sollte die Feuerwehr nur einschreiten, wenn der Brand auf die anliegenden Häuser übergreifen würde. Und so brannte die Synagoge vollständig aus.

Am nächsten Morgen kamen schaulustige Wittener um sich die zerstörte Synagoge anzusehen. Diese blieb dann noch bis 1939 stehen, erst dann ließ man sie abtragen. Auf dem Grundstück ließ man anschließend einen Löschteich einrichten. Das trieb die Entwürdigung der jüdischen Kulturgemeinde auf die Spitze. Übertroffen wurden diese Geschehnisse nur noch von dem, was den Wittener Juden, wie allen Juden, die dem NS-Regime in die Hände fielen, angetan wurde. Flucht oder Deportation, Gewalt, Misshandlung und Mord waren es, was auf die Nacht folgte. Verbrechen von unbeschreiblicher Grausamkeit, die sich niemand, der sie erleben musste, vorstellen konnte.


Selin: ,,Die Würde des Menschen ist unantastbar” - Artikel 1, Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.


Maurice: In diesem ersten Satz ist zusammengefasst, was für jeden Menschen gelten muss. Egal, ob damals, heute oder zukünftig. Diese einfache Formulierung unseres Grundgesetzes soll verhindern, dass Menschen, gleich welcher Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Sexualität, welcher Religion oder Kultur leiden für das, was sie sind.


Selin: Weder heute noch in der Zukunft können und dürfen wir Ungerechtigkeiten und Ausgrenzungen rechtsextremer und antisemitischer Art tolerieren. Lasst uns nicht schweigen und tatenlose Zuschauer von Hass und Gewalt werden, denn sonst würde sich unser Schweigen nicht allzu sehr von den begangenen Grausamkeiten der 9. Novembernacht 1938 unterscheiden. Wann lernen wir aus der Vergangenheit? Hatten wir nicht schon genügend zum Opfer gefallene Menschen? Menschen, Opfer der Flucht und Vertreibung. Menschen, die auch in unserer heutigen Zeit leiden und ihr Leben lassen müssen, weil man sie ihrer Nationalität wegen als Menschen unwürdig behandelt. Wir müssen uns besinnen und überall, wo wir können, Ungerechtigkeiten rassistischer Art beenden. Und insbesondere an diesem Ort verspürt unsere junge Generation die Aufgabe und die Verantwortung, als Mensch jedem zu helfen, den sie erreichen kann. Denn kein Mensch verdient Geringeres!


Maurice: Denn wenn eines die Lehre für uns alle aus den schrecklichen Geschehnissen von vor 80 Jahren ist, dann ist es, dass wird nicht wegschauen dürfen. Und so müssen wir besonders heutzutage unsere Stimme erheben und uns Rechtsextremismus und Antisemitismus entgegensetzen, in einer Zeit, in der sich Leute wieder ganz offen trauen, den Hitlergruß zu zeigen, in der viele Juden sich nicht mehr trauen, mit einer Kippa durch deutsche Städte zu laufen. Und in einer Zeit, in der Menschen zum Beispiel in Bautzen den Brand eines Asylbewerberheims beklatschen.

Das mit der damaligen Situation gleichzusetzen wäre weit gefehlt, aber wir müssen die Zeichen erkennen und die Lehre aus der grausamen Vergangenheit ziehen und überall für Demokratie und Menschenwürde eintreten.

 

Foto: Jörg Fruck