Stolpersteinverlegung vor dem Haus, Mozartstraße 12 am 25.11.2015; Foto: Jörg Fruck

Stimmen zur Stolpersteinverlegung am 25. November 2015

Der Arbeitskreis Stolpersteine, das Stadtarchiv im Kulturforum und die Stadt Witten veröffentlichen zum Jahresende eine Auswahl von Stimmen zur vierten Verlegung von 15 weiteren Stolpersteinen in Witten


… Shalom an die gesamte Mannschaft. Zurück im sonnigen Israel möchte ich mich im Namen meiner Familie bei Euch herzlich bedanken. Ihr habt viel Arbeit und Gedanken investiert, um das Witten-Event zu realisieren. Es war für uns nicht einfach, daran teilzunehmen und uns an die Vergangenheit zu erinnern, aber bestimmt auch nicht für Euch junge Wittener Generation. Vielen Dank und “Toda Raba”, Euer Usi Ron, geb. Rosenthal.


“It was a great honor for us to attend the event that touched our hearts, an event that we will never forget. There are no words that can describe our great appreciation to your contribution to the success of this special event. Thank you for the great day we spent together. Best Wishes Daphna & Abraham Shahak, Israel.


Jennifer and Tina sent me pictures they took of the event, and I must tell you that I was overcome with emotion and had tears in my eyes. Thank you for reading my speech that I was not able to deliver in person. The idea of the participation of the students is an excellent way to teach history in a personalized way ...I know that with five different installations you must have had an extremely busy day, so I also want to thank you for all the kind attention you gave Jennifer and Tina; I'm glad you could also meet Tina, the newest generation of my family, on this visit. And one day we must meet in person, that is something I am still hoping for ... I am VERY proud of the Witten pin that was given to Jennifer and Tina for me. I would like to send a thank-you note. Mit herzlichen Grüßen George Wolff, USA.


Es ist nicht einfach, die hohe Bedeutung der Stolperstein-Veranstaltung auf einen Begriff zu bringen: eine Art „Rückkehr“ an einen Ort, der Teil meiner persönlichen Geschichte hätte sein sollen; aber dies war bis jetzt tief verborgen unter dem grauenhaften Leid der Kindheit meines Vaters. Bei der Stolpersteinverlegung ging es nicht nur darum, die abscheulichen Taten der Vergangenheit ins Bewusstsein zu bringen; vielmehr sollte sie den Lebenswillen meines Vaters hervorheben, der trotz allem ein mit Güte erfülltes Leben lebt. Es galt, die mutigen und anständigen Menschen zu ehren, die ihm geholfen haben in den dunkelsten aller Zeiten zu überleben. Aber es sollte auch der Geist der Solidarität und der moralischen Verpflichtung wahrgenommen werden, der den Tag durchzog und der die Menschen in Richtung Zukunft leiten soll. (Aus dem Amerikanischen: Jennifer Wolff, Puerto Rico)


I will write in English because my written German is pretty terrible. I just want to thank you for what you and your colleagues are doing in Witten and how privileged my husband and I feel to have been present on November 25th when you placed the Stolpersteine into the ground for my Rosenthal relatives. The day was certainly one we will always remember and be grateful to you for. Will you be putting a Stolperstein in front of the Gebrüder Rosenthal Haus for my grandfather Josef? He wasn’t murdered but he and his family had to flee the Nazis. We will certainly come and visit Witten again. Thanks again. (Vivien Goldman, USA)


Die diesjährige Veranstaltung war etwas Besonderes und Einzigartiges. Die Chance, Verwandte und Angehörige der betroffenen Familien kennen zu lernen und auch mit Überlebenden in Kontakt treten zu dürfen, ist etwas Besonderes und dies wird leider immer seltener. Es überrascht mich immer wieder, wie lebensfroh und freundlich die Überlebenden sind, so offen, freundlich, herzlich. Gerade wenn wir wissen, was diesen Menschen aus irrationalen Gründen widerfahren ist, können wir uns diese Einstellung zum Vorbild nehmen und die Welt ein bisschen netter machen. Jede Gelegenheit, jeder Moment, jedes Treffen oder Wiedersehen ist kostbar und genau dies konnte ich an diesem Abend und auch bei den Verlegungen spüren. Die Erinnerung an geliebte Menschen bringt neue zusammen und verbindet auf eine tiefe Art und Weise, wie es nicht zu beschreiben ist. (Emma Beke Bandmann (18), Holzkamp-Gesamtschule Witten)


Mich hat die Biografiearbeit sehr beeindruckt und noch beeindruckender fand ich es, die Nachfahren der jeweiligen Familien zu treffen. So konnte ich z. B. mal wieder mit Israelis reden: Menschen, die in einem Land leben, das mich schon immer von Grund auf interessiert hat. Die Stolpersteinverlegung kann man als vollen Erfolg bezeichnen, weil sich jeder der Teilnehmenden mit eingebracht hat und so wieder einmal in Witten Geschichte geschrieben werden konnte. (Anastasia Heidorn (18), Freundeskreis der Israelfahrer e.V., Rudolf Steiner Schule Witten)


Die nunmehr 4. Stolpersteinverlegung war besonders eindrucksvoll durch die Anwesenheit vieler Nachkommen der von den verschiedenen Gruppen Geehrten aus Puerto Rico, USA, Israel und Deutschland. Auch durch die Unterstützung vieler Schülerinnen und Schüler und gesellschaftlicher Gruppen wie des Ev. Kirchenchors Stockum oder des soziokulturellen Zentrums „Trotz Allem“ und von Privatpersonen ist unser Projekt wieder zum Spiegelbild aktiver und verantwortlicher Beteiligung vieler Wittener Bürger geworden. (Christoph Ebner, Koordinator im Projekt „Stolpersteine Witten“)


Die Stolpersteinverlegung vor unserer Haustür hat uns tief bewegt. Jeden Tag erinnern uns die fünf Steine daran, was passieren kann, wenn eine Gesellschaft über eine Ideologie ihre Menschlichkeit verliert. Es ist uns eine Ehre, an der Verlegung der Stolpersteine in der Kreisstraße 3 beteiligt gewesen zu sein, denn Erinnerung darf kein Ablaufdatum haben! (Familie Wedegärtner, Witten)


Mit tiefer Dankbarkeit denke ich an den 25. November dieses Jahres zurück, der würdigen vierten Stolpersteinverlegung in Witten. Die aus Israel, Puerto Rico und den USA angereisten Familienmitglieder der Opfer waren sehr berührt und vor allem dankbar, nun einen Ort des Trauerns zu haben. Aus den Gesprächen, auch während der Übersetzung zur abschließenden Veranstaltung „Open Space“, konnte ich bewegende Lebensgeschichten erfahren und wunderbare Menschen kennen lernen. Für die Stadt Witten ist es ein Gewinn, dass durch das Stadtarchiv neben der Recherche für die Stolpersteine auch die persönlichen Kontakte gepflegt werden und die junge Generation der Wittener Schüler die Gelegenheit hat, sich bei der Recherche mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen und anschließend aktiv an der Veranstaltung beteiligt zu sein. Vielen Dank dafür. (Dr. Kerstin Glathe, Freundeskreis der Israelfahrer e.V., Witten)


Mir hat die Vorbereitung in der „AG Stolpersteine“ gut gefallen, besonders, weil Chr. Ebner die Sitzungen so konzentriert, zielgerichtet und umsichtig moderiert hat. Bei der Verlegung selber hat mir nicht gefallen, dass es nicht allen möglich war, an allen Verlegungen teilzunehmen. Der Zeitplan war zu knapp. Die Verlegung „unseres“ Stolpersteins („Trotz Allem“ für Erich Scheer) war sehr gut, vor allem, weil die Angehörigen Erich Scheers so zahlreich vertreten waren und die Würdigung Scheers zu schätzen wussten. Die Veranstaltung in Haus Witten hätte in dieser Form besser entfallen sollen. Ich fand, es war eine Mischung aus Talk Show, Gruppentherapie und Selbstlob. Das ist dem Anlass nicht angemessen. Mir hätte eine mehr dialogische Form besser gefallen, bei der die Beteiligten zwanglos hätten ins Gespräch kommen können oder auch ein auf das Lokale bezogener Vortrag zum Themenkomplex Stolpersteine, der das Ganze (erinnerungs-)politisch kontextualisiert hätte. Leider war das anschließende Essen zwar gut gemeint, aber schlecht gemacht: Die unaufhörlichen Danksagungen waren schlicht nervig und haben Gespräche verhindert. (Ralph Klein)


Die Mitglieder des Wittener Friedensforums sind sich einig, dass die Stolpersteinverlegung am 25.11.2015 eine gelungene und eindrucksvolle Veranstaltung war. Die Aktion verlief diesmal weniger hektisch, deshalb fanden die einzelnen Verlegungen in einem dem Anlass entsprechenden ruhigen und würdigen Rahmen statt. Die Schülerinnen und Schüler hatten sich sehr gut vorbereitet und man merkte ihnen an, dass ihnen die Biografien der Menschen, über dies sie berichteten, nahe gingen und sie sich in deren Schicksal einfühlen konnten. Wie bei den bisherigen Verlegungen überwog bei den Nachkommen trotz aller Trauer und Betroffenheit die Freude über die Stolpersteine. Sie zeigten offen, wie dankbar sie sind, dass ihre Vorfahren - und damit auch ihre persönliche Geschichte - nicht in Vergessenheit geraten. Das Treffen mit den Angehörigen und Mitgliedern der Veranstalter im Haus Witten war ein schöner und würdevoller Abschluss ... Hervorheben möchten wir auch, dass die Zusammenarbeit und Organisation innerhalb der Arbeitsgruppe und mit dem Stadtarchiv sehr gut geklappt hat ... Nach der Verlegung für Käthe und Willy Mühlhaus ergab sich spontan die Möglichkeit, in das Haus Gederbachweg 45 gehen zu dürfen. Es ist immer noch das Originalhaus, in dem die Familie Mühlhaus gewohnt hat. Ich muss gestehen, mir lief ein Schauer über den Rücken, als die jetzigen Bewohner uns die Stelle zeigten, von der aus Siegmund Mühlhaus in sein Versteck, eine Art Kriechboden, gelangen konnte. Aus dem Keller wurde noch ein Bild geholt, das Willy Mühlhaus gemalt und signiert hat, so, als hätte es 70 Jahre darauf gewartet, von uns wiederentdeckt zu werden. Ich werde die jetzigen Besitzer fragen, ob es dem Stadtarchiv zur Verfügung gestellt werden kann. (Ursula Bösken und Ursula Wentzek, Wittener Friedensforum)


Tief bewegt blicken die Mitglieder des SPD Ortsvereins Stockum auf die Verlegung der vier Stockumer Stolpersteine durch Gunter Demnig zurück, für die sie die Patenschaft übernommen haben und bei deren Vorbereitung das Stadtarchiv Witten unersetzbare Unterstützung leistete. Die große Zahl der Menschen, die an der Verlegung teilnahmen, die Worte der Beteiligten, die von Jugendlichen des Stockumer Cliquentreffs und der Holzkamp-Gesamtschule vorgetragenen Lebensläufe der Stockumer Opfer, die Worte von Usi Ron, einem der anwesenden Nachfahren der Familie Rosenthal, und die musikalische Begleitung durch den evangelischen Kirchenchor machten nicht nur betroffen. Man fühlte auch Verantwortung und Solidarität. Als Usi Ron am Abend sagte, „Wir haben alle noch einen deutschen Pass!“, war das für uns ein bedeutendes Zeichen dafür, dass wir das Richtige getan haben. Wir sind gemeinsam einen wichtigen Schritt zum gegenseitigen Respekt, Verständnis und zur Freundschaft gegangen. (Walter Sander, SPD-Ortsverein Stockum)


Hocherfreulich und bemerkenswert fand ich, dass auch diesmal wieder Angehörige und Nachkommen, einige von weither zur Verlegung der Stolpersteine angereist sind. Dass sie die weite Reise nicht scheuten, hängt wohl auch mit der einfühlsam-vorsichtigen Art zusammen, den Kontakt zu ihnen aufzunehmen, zu pflegen und sie einzuladen. Wenn ich mir das Schicksal des einzelnen Verfolgten zu vergegenwärtigen versuche, scheint mir ein Stolperstein eine vergleichsweise kleine Geste zu sein; und diese Geste wird von den Angehörigen mit Dankbarkeit angenommen - das ist eigentlich schwer zu fassen. Und als dann vor dem Haus Mozartstraße 12 der Brief von George Wolff vorgelesen wurde, löste dies - wohl nicht nur bei mir - innerste Schmerzen aus, weil nicht ungeschehen gemacht werden kann, was damals geschah, und weil Erinnerung für die Zukunft zwar versucht werden kann, aber fragil, wenn nicht weitgehend wirkungslos ist. Umso dankbarer müssen wir deshalb für einen solchen Brief sein. Dass auch die 4. Verlegung von Stolpersteinen in Witten mit Einsatz, Empathie und Arbeit - auch seitens der Schüler - verbunden war, darf gesagt werden. Nun wünsche ich dem Arbeitskreis Stolpersteine weiterhin eine gute Zusammenarbeit, denn die kleinen Messingplatten müssen gepflegt und die Erinnerung an die Menschen, für die sie gelegt wurden, wach gehalten werden. (Heide Dahlmann, „Erinnern für die Zukunft“)