Weiße Handschuhe sind zum Schutz des alten Archivmaterials Pflicht: Handschriftenpatin Elisabeth Lammers-Schöttes zusammen mit dem Geschichtsstudenten Marcel Kühnen (21), der derzeit ein vierwöchiges Praktikum im Stadtarchiv Witten macht. Foto: Walter Fischer / Funke Foto Service

Diese Wittenerin kann fast alles lesen

Elisabeth Lammers-Schöttes ist die Handschriftenpatin des Stadtarchivs. Sie hilft Mitarbeitern und Besuchern, alte Texte zu entziffern. Ein Ehrenamt.

Sagt eine Handschrift etwas über einen Menschen aus? „Nein, eine schlechte Handschrift spricht nicht gegen einen Charakter, sondern ist nur ärgerlich für den Leser“, antwortet Elisabeth Lammers-Schöttes lachend. Sie muss es wissen. Denn sie ist eine Handschriften-Expertin. Die ehemalige Deutschlehrerin hilft im Stadtarchiv, wenn es darum geht, alte Schriften oder schlecht Lesbares zu entziffern. Alles ehrenamtlich.

Mit ihrer Arbeit unterstützt die pensionierte Pädagogin seit 2012 nicht nur die Mitarbeiter des Archivs, sondern auch Heimatforscher, Menschen, die mehr über ihre Familiengeschichte erfahren möchten, aber auch Schüler, die sich etwa mit dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg in Witten beschäftigen wollen.

1818 schenkten die Hochzeitsgäste dem Brautpaar Geld

Derzeit befasst sich die 70-Jährige mit Aufzeichnungen der einstigen Hirtenschule in Rüdinghausen aus den Jahren 1864 bis 1875. Was sie darin erfährt: Eltern stellten Anträge, um ihre Kinder den halben Tag von der Schule befreien zu lassen, „damit diese sich noch als Viehtreiber betätigen konnten“.

Was Lammers-Schöttes in Erstaunen versetzte, war eine Hochzeitsgabenliste von 1818 aus Herbede. „Ich dachte, dass man damals Kühe, Schafe oder Weizen geschenkt hätte. Aber die Liste zeigt: Es gab Geld zur Hochzeit!“ Die Namen der Schenker wurden mit den Beträgen einzeln aufgelistet.

Das Entziffern von Schriften sei keine besondere Gabe, sondern einfach eine Übungssache und eine Frage der Geduld, erzählt die ehemalige Lehrerin bescheiden. Und fügt schmunzelnd hinzu: „Es gibt natürlich Menschen mit einer Sauklaue, die ein F in vier verschiedenen Varianten schreiben.“ Bei schwierigen Wörtern liest sie erst den Rest des Satzes und erschließt sich das Komplizierte zum Schluss. „Wenn ich das Wort dann immer noch nicht weiß, lasse ich es offen. Raten, das geht ja nicht, sonst ist der Text für das Archiv nicht mehr verwertbar.“

Feldpost mit einem Foto des Soldaten Emil von 1916

Alles, was Elisabeth Lammers-Schöttes liest, hält sie erst einmal selbst handschriftlich fest. „Dann schreibe ich es noch einmal mit dem Computer.“ An fremden Handschriften fasziniert sie das Individuelle, sagt sie. Und bedauert, „dass heute in der Schule so wenig Wert darauf gelegt wird. Da geht etwas verloren“.

Drei Monate Arbeit hatte die Handschriftenpatin mit dem Hofarchiv Rosendahl, das Aufzeichnungen aus der Zeit von 1754 bis 1920 enthält. Rosendahl, das war ein Kötterhof in Bommern. Die Unterlagen, die dem Stadtarchiv geschenkt wurden, bieten ein Füllhorn an Themen. Sie geben Auskunft über Hochzeiten, Erbschaften, Pachtverträge, Taufen und Getreidepreise. „Da tauchen ganz viele Wittener Namen auf, da gibt es etliche Querverbindungen zur Lokalgeschichte.“

Für das Archiv hat Elisabeth Lammers-Schöttes auch eine Feldpostkarte von 1916 entziffert, die ein Emil seiner Schwester in Bommern aus Oberhofen schickte. Der Soldat ist in Uniform mit Pickelhaube auf der Vorderseite der Karte zu sehen. Ein kleines Dokument zum Ersten Weltkrieg.

Auch Everhard Maria Jungeblodt hat die Handschriftenpatin geholfen, der mit der Annener Familie Burgschulte verwandt ist. Diese brachte über drei Generationen Gastwirte hervor. Jungeblodt, ein Kölner, schrieb über seine Familiengeschichte zwei Bücher. Lammers-Schöttes übersetzte für ihn Dokumente in Sütterlinschrift. Jungeblodt: „Das war großartig.“

 


Paten für Restaurierungsarbeiten gesucht

Das Stadtarchiv sucht Menschen, die es durch Spenden ermöglichen wollen, dass besonders schöne Stücke des Archivs restauriert werden können. Leiterin Dr. Martina Kliner Fruck: „Wir haben nicht den Etat, um alles, was notwendig ist, machen zu lassen. Es gibt bei uns einen Restaurierungsstau.“
Wer als Pate helfen möchte, damit der „Zahn der Zeit“ nicht Erhaltenswertes zerstört, kann sich beim Stadtarchiv melden unter: Tel: 02302/581 2415.

 


Zitiert aus der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), Lokalteil Witten vom 29.07.2015, Jutta Bublies

Bild: Weiße Handschuhe sind zum Schutz des alten Archivmaterials Pflicht: Handschriftenpatin Elisabeth Lammers-Schöttes zusammen mit dem Geschichtsstudenten Marcel Kühnen (21), der derzeit ein vierwöchiges Praktikum im Stadtarchiv Witten macht.

Foto: Walter Fischer / Funke Foto Service