„Spannendes Zeugnis der Wittener Wassergeschichte“ – Stadtarchiv erhielt Schenkung aus dem Jahr 1914

    Unverhofft kommt oft. Dieses Sprichwort trifft sicherlich auf die Unterlagen zu, die dem Stadtarchiv als Schenkungen überlassen werden. Kürzlich übergab das Stadtarchiv – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte eine großformatige alte Mappe. Ihr Inhalt faszinierte auf Anhieb: Zum Vorschein kamen insgesamt 17 von Hand gezeichnete, zum Teil farbige Pläne. Diese zeigen u.a. den Verlauf der Ruhr mit ihren Zuläufen, den Mühlengraben, das städtische Wasserwerk und das Freibad in Bommern. „Die Pläne sind ein spannendes Zeugnis der Wittener Wassergeschichte“, freut sich der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Thomas Urban. Außerdem wird viel Technik- und Industriehistorisches sichtbar. Doch warum entstanden diese Pläne, als Deutschland noch einen Kaiser hatte?

     

    Eine „hydroelektrische Centrale“ beim Mühlengraben

     

    Das Familienunternehmen A. Bredt & Co. an der Ruhrstraße 95 (heute Café del Sol) produzierte und verkaufte zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgreich Spaten und Schaufeln. Um Energiekosten zu sparen, stellte die Firma den Antrag, die Wasserkraft der Ruhr mithilfe eines Kraftwerks zu nutzen. Die Anlage sollte in der unmittelbaren Nähe, an einem Nebenarm des Mühlengrabens, entstehen. Ein Partner war rasch gefunden. Die Maschinenfabrik J. M. Voith in Heidenheim sollte nicht nur moderne Wasserturbinen liefern, sondern fertigte auch alle Pläne an. Bredt & Co. reichte die Unterlagen im März 1914 bei den Behörden ein. Dann ließ der Beginn des Ersten Weltkriegs den Prüfprozess offenbar ins Stocken geraten. Denn erst im Mai 1917 machte der Bochumer Landrat das Vorhaben u.a. in den Wittener Tageszeitungen öffentlich. Die Pläne lagen für zwei Wochen in Bochum aus. Interessierte konnten Einsicht nehmen und widersprechen. Ob es Kritik gab, wissen wir nicht. Jedenfalls wurde das Kraftwerk nicht am geplanten Standort gebaut. 

     

    Zweiter Anlauf: Ruhrkraftwerk Hohenstein

     

    Was passierte nun mit den Plänen? Offenbar blieben diese über die nächsten mehr als 100 Jahre in Bochum. Und was tat die Firma A. Bredt & Co.? Sie ließ nicht locker und errichtete die Kraftzentrale ca. 1500 Meter weiter östlich, auf einer Ruhrinsel unterhalb des Hohensteins. 1922 wurde mit dem Bau begonnen. Dabei dürfte das Unternehmen von „billigem Geld“, also günstigen Krediten, profitiert haben. Denn die Geldentwertung im Deutschen Reich war schon in vollem Gang. Nach der Währungsreform 1923/24 änderte sich dies schlagartig. Zudem ließen der Granitstein für das Mauerwerk und Hochwasser die Kosten in die Höhe schnellen. Die Beteiligung des Gussstahlwerks Witten sicherte schließlich die Umsetzung. Am 27. Mai 1925 ging das Kraftwerk an den Start und versorgte beide Unternehmen mit Strom. Die Ausstattung im Maschinenhaus weist starke Ähnlichkeiten mit den Plänen von 1914 auf. Allerdings wurden nicht vier, sondern drei Turbinen der Firma Voith eingebaut.

     

    Industriedenkmal seit 40 Jahren

     

    1986 nahm die Stadt Witten das Ruhrkraftwerk am Hohenstein in ihre Denkmalliste auf. Das bis heute bestehende Gebäudeensemble überzeugte durch die expressionistische Architektur, landschaftsprägende Wirkung und große Originalität. Heute wird das Kraftwerk von der RWE betrieben und kann nur zu seltenen Anlässen, wie zum 100-jährigen Jubiläum im letzten Jahr, besichtigt werden. Anhand der übernommenen Pläne kann das Stadtarchiv nun erstmals zeigen, dass das Kraftwerk am Hohenstein ein bisher kaum bekanntes, weil nicht gebautes Vorbild am Mühlengraben hatte.