Wie werden Verbrechen von Deutschen im Nationalsozialismus für junge Menschen begreifbar, die vor Krieg, Gewalt und Verfolgung nach Deutschland geflüchtet sind? Diese Fragen stellten sich Schülerinnen und Schüler der Internationalen Förderklasse des Louis-Baare-Berufskollegs aus Bochum-Wattenscheid. Nachdem sie sich bei einem Anne-Frank-Projekttag und mit selbst erarbeiteten Vorträgen zu unterschiedlichen Themen mit der NS-Zeit befasst hatten, besuchten sie vergangenen Freitag, 10. Juli, das Stadtarchiv Witten und das ehemalige KZ-Außenlager Buchenwald in Witten-Annen.
Die Jugendlichen stammen aus Kriegs- und Krisengebieten wie Afghanistan, Syrien und der Ukraine. So bot die Exkursion den Schülerinnen und Schülern nicht nur historische Einblicke, sondern auch wichtige Anknüpfungspunkte zu ihren eigenen Erfahrungen mit Krieg, Verfolgung und Flucht.
Präsentationen zu Judenverfolgung und Jugendwiderstand im Nationalsozialismus
Im Stadtarchiv tauchte die interessierte Klasse anhand ausgewählter Kurzbiografien in die Geschichte Wittener Jüdinnen und Juden ein. An deren Lebenswegen wurde deutlich, wie Menschen allein aufgrund ihres Glaubens entrechtet, beraubt, verfolgt und schließlich ermordet wurden.
Vorgestellt wurde zudem die städtische Erinnerungsarbeit rund um das 1991 erschienene Gedenkbuch an die Wittener Jüdinnen und Juden unter dem Nationalsozialismus sowie die erste von der Stadt initiierte Jüdische Begegnungswoche aus demselben Jahr.
Sarah, Schülerpraktikantin aus Sprockhövel, stellte am Beispiel des Witteners Erich Scheer den politischen Jugendwiderstand gegen das NS-Regime vor. Scheer, der aus einer sozialdemokratischen Familie stammte, wurde im Alter von nur 20 Jahren und wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1939 in Berlin hingerichtet. Jugendwiderstand ist für Sarah besonders, „da junge Menschen trotz Programmierung durch die Nationalsozialisten“ in der Hitlerjugend und im Bund Deutscher Mädel „mutig widersprachen“.
Führung über das Restgelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Buchenwald in Annen
Für den zweiten Teil der Veranstaltung fuhr die Gruppe gemeinsam mit dem Team des Stadtarchivs und dem Wittener Historiker Ralph Klein nach Annen. Dort führte Klein die Gruppe über den Weg der damaligen Gefangenen zum Erinnerungsort am ehemaligen KZ-Außenlager. Da der Weg ins Lager und zum Ort ihrer Zwangsarbeit, dem Annener Gußstahlwerk, mitten durch den Ortsteil verlief, war das Leid der ausgebeuteten und eingesperrten Menschen aus allen Teilen Europas für die Bevölkerung öffentlich sichtbar.
Bei der Erkundung des Restgeländes erregte eine größtenteils erhaltene Konstruktion besondere Aufmerksamkeit. Auf die Frage eines Schülers, ob das ein Pizzaofen sei, erklärte Ralph Klein, dass es sich um die Überreste eines Einmann-Bunkers (eine so genannte Splitterschutzzelle) handelt. Heute wird der nach innen offene Zylinder leider sehr häufig als Müllbehälter für Flaschen, Verpackungen oder Hundebeutel benutzt.
„Das Lager zu sehen, wie normal das jetzt aussieht … verrückt.“
Die Exkursion hinterließ bei den Jugendlichen einen nachhaltigen Eindruck. So resümierte Alisar: „Ich habe viel Neues über das Lager und die Gefangenen erfahren.“ Vlad ergänzte: „Das Lager zu sehen, wie normal das jetzt aussieht… verrückt. Und zu hören, was da passiert ist.“ Auch der Vortrag der Schülerpraktikantin Sarah über Erich Scheer habe ihn beeindruckt.
Zum Abschluss reflektierte die Gruppe gemeinsam mit den Lehrkräften den Tag. Im Mittelpunkt standen Fragen wie: Wie verändern sich Menschen unter dem Einfluss von Krieg? Wie kann an Entrechtung, Hass und Gewalt erinnert werden?
Foto: A. Paulsen