Gegen das Vergessen: Stadtarchiv und Planungsamt zeigen Fundstücke aus dem ehemaligen Außenlager Witten-Annen des Konzentrationslagers Buchenwald

    Vor 80 Jahren, im April 1945, befreiten US-amerikanische Soldaten Witten vom Nationalsozialismus. Die Truppen rückten nicht nur in eine kriegszerstörte Stadt ein, sondern stießen in Annen auch auf ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald, das erst wenige Tage zuvor von der SS „evakuiert“ worden war.
     

    Unbedingt anschauen: Fundstücke sind bis zum 7. Juni zu sehen

    Nachdem das Lager jahrzehntelang in Vergessenheit geriet und überbaut wurde, ist heute noch eine kleine Restfläche als städtischer Erinnerungsort erhalten. Zu Beginn der 1990er Jahre wurden aus dem ehemaligen Feuerlöschteich des Lagers Gegenstände geborgen, die in einem kleinen Schrank im Planungsamt der Stadt Witten aufbewahrt werden.

    Einige dieser Fundstücke sind nun und noch bis zum 7. Juni im Märkischen Museum (Husemannstraße 12) zu sehen: unter anderem ein Essnapf mit Esslöffel, Arbeits- und Häftlingsmarken sowie leere Patronenhülsen. Sie werden als Teil der Ausstellung „Fest der Dinge“ präsentiert. Weil die Objekte einen traurigen Teil der Wittener Stadtgeschichte ansprechen, gilt für sie ohne jeden Zweifel: „Kein Fest der Dinge“.
     

    Wenn diese Objekte erzählen könnten…

    Das Außenlager Witten-Annen des Konzentrationslagers Buchenwald wurde durch das Hitler-Regime im September 1944 auf dem Gelände eines sowjetischen Kriegsgefangenenlagers des Annener Gußstahlwerks (AGW) der Ruhrstahl AG errichtet. Die mehr als 750 männlichen KZ-Häftlinge, darunter politische Gefangene sowie Verschleppte aus den besetzten Gebieten Europas, mussten in der Fabrik Flugzeug- und Panzerteile für die Kriegswirtschaft herstellen. Bis Kriegsende starben mindestens 30 Menschen an Unterernährung, Kälte oder weil SS-Wachmänner sie bei tatsächlichen oder vermeintlichen Fluchtversuchen erschossen.

    Die ausgestellten Fundstücke deuten auf die unzureichende Ernährung, bewaffnete Bewachung und versuchte Entmenschlichung der Gefangenen hin. Nähere Hinweise gibt das im Werk von Grieger und Völkel mehrfach zitierte Tagebuch des Franzosen Robert Maréchal, der beispielsweise am 17. Dezember 1944 festhielt: „Zwölf Stunden Arbeit pro Tag! Manchmal möchte ich alles zum Teufel jagen, vor allem, wenn mein Magen Hunger leidet und mich meine Beine nicht mehr tragen können“. In der Nacht vom 28. auf den 29. März 1945 lösten die SS-Wachen das Lager auf, setzten mehr als 600 Gefangene nach Nordosten in Marsch und führten ihre Bewachung zunächst fort. Maréchal notierte am 30. März: „Ruhe, Schreie, Schläge.“ Sofern die Gefangenen nicht noch den Kriegsendverbrechen fanatischer Nationalsozialisten zum Opfer fielen, brachte das Vorrücken amerikanischer Truppen schließlich auch diesen Gefangenen in der Umgebung von Lippstadt die Freiheit.
     

    Quellen und Informationen zum Annener KZ-Außenlager

    Die meisten schriftlichen Quellen zum Annener Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald befinden sich in Archiven außerhalb Wittens. Die vergriffenen Werke der mittlerweile zahlreichen Publikationen, u. a. von Manfred Grieger und Klaus Völkel, sind gemeinsam mit „Stimmen“ von Überlebenden auf der Homepage des Stadtarchivs abrufbar: https://www.kulturforum-witten.de/de/stadtarchiv/bestaende/publikationen/

    Stadtarchiv und Planungsamt danken dem Märkischen Museum Witten und dem Verein für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark für die Gelegenheit, die Fundstücke zu präsentieren.