Bild: (v. l.) Diplom-Archivarin Ana Muro, Stadtarchiv-Leiterin Dr. Martina Kliner-Fruck und der städtische Bauingenieur Udo Klapp zeigen einen Teil der Funde, der am 10. September in einer kleinen Ausstellung im Rathausturm zu sehen sein wird.

„Zeitkapsel“, die Zweite

Eine thront ganz oben…, zuvor wurde ein altes Schätzchen gefunden!

„Eine Zeitkapsel für die neue Spitze des Rathausturms“ hieß es Anfang August: Denn da wurden in der neuen Turmspitze, der so genannten „Bekrönung“, einige Dokumente und Münzen der Gegenwart „versteckt“. Eine „Zeitkapsel“ ist ein Behälter, der erst nach Ablauf eines bestimmten Zeitintervalls von Personen geöffnet wird oder werden darf, mit dem Zweck, zeittypische Dinge und Informationen für nachfolgende Generationen zu bewahren und zu dokumentieren.

Was Stadtarchiv-Leiterin Dr. Martina Kliner-Fruck und der städtische Bauingenieur Udo Klapp seinerzeit noch nicht verraten hatten: Der neuen Zeitkapsel ging der Fund einer alten Zeitkapsel voraus! In zwei Etappen, im April und im Juli 2017, stieß man im wahrsten Wortsinne auf „alte Schätzchen“: Münzen und Dokumente, die man im Jahr 1926 in der Turmspitze „verzeitkapselt“ hatte.

  • Am 4. April 2017 fand der Spengler Guido Lämmel bei der Demontage der alten Bekrönung der Rathausturmspitze in deren Sockel eine handgefertigte Schatulle aus Kupfer. Inhalt dieses Behältnisses waren drei Geldmünzen, eine Gedenkmedaille, 23 Banknoten und Geldgutscheine aus der Inflationszeit, eine Visitenkarten und ein kleines Buch. Neben dieser „Zeitkapsel“ aus dem Jahr 1926 fand sich ein weiteres Druckwerk, das zwar identifiziert, jedoch nicht mehr restauriert werden konnte.
  • Am 6. Juli 2017 wurde beim Rücktransport der alten Turmbekrönung zudem ein zylindrisches Kupferrohr entdeckt, das ein Dokument mit handschriftlichen Angaben zum Turmhersteller aus den Jahren 1925/1926 beinhaltete.


Ein „Milliarden-Fund“, Lichtbilder, und was das alles bedeutet (hat)

Ein Teil des Fundes bestand aus sage und schreibe einer Milliarde zweihundertachtundsechzig Millionen siebenhundertsiebenundsiebzigtausendachthundertachtundfünfzig Mark und sechzig Pfennig. Kurz: 1.268.777.858,60 Mark! Da sie vorwiegend aus der Zeit der Hyperinflation stammen, lässt sich daraus aber weder die heutige Rathaussanierung finanzieren noch der städtische Haushalt sanieren. Der Sammlerwert des „Milliarden-Fundes“ liegt heute nach Auswertungen des Stadtarchivs zwischen 75 und 80 Euro. Und dennoch: „Der ideelle Wert der Zeitkapsel ist enorm“, freut sich Kliner-Fruck. Und Klapp ergänzt: „Zumal wir damit wirklich nicht gerechnet hatten. Zeitkapseln waren eher typisch für Sakralbauten.“ Es zeige, da sind sich Kliner-Fruck und Klapp einig, dass der Rathausbau trotz der sehr schwierigen Zeiten eine hohe Bedeutung hatte.


Teil des Fundes wird am Tag des offenen Denkmals gezeigt

Das Stadtarchiv nahm die Fundstücke in Obhut und ließ sie restaurieren. Ein Teil der Funde wird nun am Tag des offenen Denkmals in einer kleinen Ausstellung im Rathausturm zu sehen sein. Übrigens zusammen mit Reproduktionen von Lichtbildaufnahmen aus den Jahren des Rathausbaus (1914-1926). Diese größtenteils noch nie veröffentlichten Fotos wurden im Stadtarchiv erst in diesem Jahr bei einer Aktensichtung entdeckt. Das Kulturgut muss nun dringend zur Sicherung digitalisiert werden.

Das Team des Stadtarchivs lädt alle Interessierten herzlich ein, am Sonntag, 10. September 2017, einige Stufen im Innern des Rathausturms zu erklimmen, und sich einen Teil des historischen Fundes anzuschauen.


Zeitkapsel, die Erste: Rückblick auf Anfang August 2017

Im Wittener Fall wurde in das 3,70 Meter hohe oberste Element (Turmspitze) ein Kupferrohr gesteckt, zu dem sich nach Verlötung und Falzung eine Frischhaltebox gesellte. Warum Frischhaltebox und Kupferrohr? Die Behältnisse sind witterungsbeständig und reduzieren den Zustrom von Sauerstoff, weil dieser zum Zerfall von Papier führen kann.

Im Kupferrohr befinden sich eine Tageszeitung vom 11. August 2017, ein Produktkatalog der Bauklempner- und Spenglerfirma und acht Geldmünzen: 1, 2, 5,10, 20, 50 Cent sowie 1 und 2 Euro. Also nicht „viel Kohle“, sondern ein paar Münzen unserer Zeit. Die Frischhaltedose ist mit der Kreisordnung und Gemeindeordnung des Landes Nordrhein-Westfalen, der Verfassung für das Land Nordrhein-Westfalen und mit dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland bestückt.
 
Beide Behälter schlummern seither – zusammen mit einem Stückchen Kohle –  im Hohlraum der Turmbekrönung, dessen oberstes Segment anschließend verlötet wurde, etwa 53 Meter oberhalb des Rathausplatzes.


Hätten Sie es gewusst?

Die Stadtgemeinde Witten gab aufgrund der Zahlungsmittelknappheit eigenes Notgeld heraus. Der erste Schein hatte den Wert von einer halben Million Mark und wurde am 9. August 1923 gedruckt. Nachdem die damalige Reichsregierung die Herstellung von städtischem Notgeld im September 1923 verboten hatte, gab die Stadt ihren letzten Notgeldschein mit dem Wert von fünf Billionen zum 13. November 1923 heraus.

 


Bild: (v. l.) Diplom-Archivarin Ana Muro, Stadtarchiv-Leiterin Dr. Martina Kliner-Fruck und der städtische Bauingenieur Udo Klapp zeigen einen Teil der Funde, der am 10. September in einer kleinen Ausstellung im Rathausturm zu sehen sein wird.

Foto: Jörg Fruck