Bild: Rathausneubau 1922 (Stadtarchiv Witten, Fotosammlung); Repro: Jörg Fruck

Rathaus-Bau damals und heute

Stadtarchiv blickt zurück, Sanierer blicken „turmwärts“

Nachdem der Sanierungsbeginn für den Rathausturm von Ende 2016 auf das Frühjahr 2017 verschoben werden musste, ist es in Kürze soweit: Baubeginn mit dem Einrüsten des Turms soll Anfang Februar sein. Aktueller Stand ist der: Die Ausschreibungen und Submissionen (Angebotseröffnungen) für das Einrüsten des Turms sind bereits erfolgt, die Auftragsvergaben stehen bevor.

Ein schöner Anlass, um einen Blick über die Schulter zu wagen und die früheste Zeit des Wittener Rathauses zu betrachten: seinen Baubeginn vor fast 100 Jahren. Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Sanierung des „gelben Denkmals“ im Herzen der Innenstadt hat das Stadtarchiv Witten jüngst Fotografien des Rathausneubaus aus den 1920er-Jahren neu- und einige wiederentdeckt.


Bildgedächtnis zum Wittener Rathaus wird für die Zukunft gesichert

Die zum Teil verblassten Lichtbilder, auch einzelne Glasnegative, werden derzeit in Zusammenarbeit mit der Pressestelle der Stadt Witten hochaufgelöst digitalisiert und die Informationen zur Bilderschließung aktualisiert.  Ziel ist eine „Bau-Schau (Neues) Rathaus“.
„Die erste Bildansicht in einer geplanten Serie von Bildbeschreibungen zeigt eine Momentaufnahme der Baustelle des Wittener Rathauses am 22. Juli 1922“, erläutert Stadtarchiv-Leiterin Dr. Martina Kliner-Fruck. Ihr Wunsch: „Ich hoffe, dass unsere kleine Zeitreise vielen Menschen Freude macht! Und ich freue mich, dass die Informationen zum Rathausbau damit auch digital für die Zukunft gesichert sind.“


An einem warmen Julitag im Wittener Stadtzentrum

Im Bildhintergrund steht das markanteste Gebäude, die imposante ehemalige Gedächtniskirche. Durch Bergschäden lädiert und im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurde ihre Ruine von November 1967 bis Januar 1968 abgebrochen. Links daneben ist ein Teil des Dachs des Lyzeums, heute Schiller-Gymnasium, erkennbar, vor dem sich zwischen den Bäumen die frühere Brinkmann’sche Reithalle befindet. Für das große Wittener Bauprojekt „Rathausneubau“ nutzte man sie als Materialschuppen.

Im Bildvordergrund links hinter der Oberleitung für die Westfälische Straßenbahn liegen auf der damaligen Baustelle Stabeisen und Kiesmassen für die Eisenbetondecke des neuen Hauses der Verwaltung. Daneben rollt ein umgestürzter Goudronkessel, ein Behälter für Teer. Rechts vor dem Kies ist eine Betonmaschine erkennbar.

An diesem schönen Julitag 1922 steht der Polier Weber der Wittener Baufirma Lünenbürger & Franzen im Zentrum des Baugeschehens (Bildmitte) neben den fertiggestellten Fenster- und Türstürzen an einem Feldbahngleis.  Am Gleisende wartet ein Güterwaggon der Westfälischen Straßenbahn, um die Abfuhr ausgeschachteter Bodenmassen zu übernehmen. Ob Herr Weber den nächsten Transport von Materialien oder die beiden Bauarbeiter rechts von ihm beobachtet? Hinter ihm ist bereits das Gewölbe des Ratskellers entstanden.

Die Kellergrube der zuvor abgebrochenen Häuser am Markt mit Mauerresten kann man im vorderen Bildbereich rechts entdecken. An der Aufschüttung dahinter soll demnächst der Rathausturm, ein späteres Wahrzeichen der Stadt, seinen Platz finden. Auf dem Erdhügel ist das Gestänge des Flaschenzugs, der dem Verlegen der Betonringe des Kanalschachts dient, gut sichtbar. Im rechten Bildbereich arbeitet jemand an der Speisrutsche und Redmann, der Polier der Maurerkolonne, hofft an der Steinrutsche auf Nachschub.

Zum Ende des Jahres 1922 wird die Stadtverwaltung Witten die Arbeiten zum Rathausneubau in ihrem Verwaltungsbericht dokumentieren:

Der Rohbau wurde im Rechnungsjahre 1922 zu Ende geführt. Mit den Maurerarbeiten war schon begonnen worden, als die Ausschachtung und der Abtransport der Bodenmassen noch in vollem Gange waren. Gleichzeitig mit den Maurerarbeiten wurden die Eisenbetonarbeiten ausgeführt. Die Decken, Treppen und die schweren Dachbinder waren zu Ende des Rechnungsjahres vollendet. Die Zimmerleute hatten das ganze Dachwerk aufgeschlagen. Das Dach über dem hinteren Bauteil war fertig eingedeckt, während über dem vorderen Bauteil die Pfannen lose aufgehängt waren, sodaß der Regen nicht mehr in den Bau eindringen konnte. Die Blitzschutzanlage wurde über dem hinteren Bauteil montiert und die Dachrinnen nach der Hofseite angeschlagen ... Ein Teil der Innenwände wurde hochgeführt und mit dem Verputz begonnen. Das Holz für die Fenster und Außentüren wurde von der Bauleitung beschafft.“

(Quelle: Stadtarchiv Witten: Bericht über die Verwaltung und den Stand der Gemeindeangelegenheiten der Stadt Witten 1922, S. 31).

Fortsetzung folgt.

 


Bild: Rathausneubau 1922 (Stadtarchiv Witten, Fotosammlung)

Repro: Jörg Fruck